ARD-Teamchef Carsten Flügel vor dem Berliner Olympiastadion © Thomas Luerweg Fotograf: Thomas Luerweg

Interview

ARD-Teamchef Flügel: "Mut hat sich ausgezahlt"

Wie ist die Premiere der European Championships bei den Fernsehzuschauern angekommen, was gilt es zu verbessern? ARD-Teamchef Carsten Flügel zieht im Interview Bilanz.

Herr Flügel, wie fällt Ihr Fazit zu den ersten European Championships aus?

Carsten Flügel: Wir waren als ARD ja quasi Mit-Initiator dieser neuen Idee der Sport-Präsentation. Und haben damit sicherlich eines der innovativsten TV-Projekte der letzten Zeit kreiert. Am Ende kann ich sagen: Der Mut, es zu probieren, hat sich ausgezahlt.

Wie ist dieses neue Multisport-Event angekommen?

Flügel: Bemerkenswert gut! Die Reaktionen waren nahezu durchgehend positiv. Nicht nur beim Publikum, sondern vor allem auch bei den Sportlern selbst. Auch die Printmedien waren voll des Lobes für dieses neue Format.

Die ARD hat insgesamt mehr als 100 Stunden übertragen, hinzu kamen über 200 Stunden Livestream-Übertragungen im Internet und im HbbTV. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Flügel: Wir sind natürlich sehr, sehr zufrieden. Vom ersten Tag an hatten wir durchgängig zweistellige Marktanteile und ein Millionenpublikum. Und das "aus dem Stand", wie man so schön sagt. Man muss ja berücksichtigen, dass niemand vorher so recht wusste, was "European Championships" eigentlich sind. Das hat sich radikal geändert. Und es zeigt, welche Kraft der Sport entwickeln kann, wenn er gut aufbereitet präsentiert wird.

Welche Sportarten haben die Zuschauerinnen und Zuschauer besonders interessiert?

Flügel: Erstaunlicherweise gab es da keine großen Unterschiede. Ähnlich wie bei Olympia haben die Zuschauer offenbar weniger nach Sportarten unterschieden, sondern sich einfach der Spannung und Attraktivität der verschiedensten Disziplinen hingegeben. Die Quotenverläufe zeigen jedenfalls über alle Tage hinweg ein nahezu gleichbleibendes Interesse, unabhängig davon, welche Sportart gerade übertragen wurde. Klug war letztlich auch die Entscheidung, die traditionell erfolgreich laufende Leichtathletik als "Lokomotive" zu nutzen und ihr den Hauptabend komplett zu überlassen.

Großereignisse im Sport sind immer eine logistische Herausforderung. Die ARD verfügt über langjährige Erfahrung zum Beispiel bei der Übertragung Olympischer Spiele. Hilft das?

Flügel: Absolut. Durch das konstant zusammenarbeitende Sonderprojekte-Team im NDR-Sport haben wir viel Know-How in dieses Projekt einbringen können. Die Vorbereitung hatte am Ende beinahe olympische Dimensionen. Das ist sicherlich nachvollziehbar, wenn man bedenkt, welche Sendestrecken wir bespielt haben.

Welche Momente haben Sie bei den European Championships besonders beeindruckt?

Flügel: Beeindruckt haben mich dieselben Dinge wie bei Olympischen Spielen. Athleten, die mit ganzer Leidenschaft ihre Sportart betreiben und uns an ihren Emotionen teilhaben lassen. Und die mit ihrer Natürlichkeit und Offenheit so erfrischend anders rüberkommen als komplett durchformatierte Fußball-Profis.

War es in Ihren Augen ein Problem, dass die Wettkämpfe mit der Leichtathletik in Berlin und den restlichen sechs Sportarten in Glasgow an zwei unterschiedlichen Austragungsorten stattgefunden haben?

Flügel: Problematisch war es aus technischer Sicht nicht. Vor dem Fernseher kam das Ganze ja als eine gemeinsame Veranstaltung rüber. Das war unser Ziel. Für die Sportler, die Anmutung am Ort und auch für unser Team wäre eine Austragung an einem Ort sicher besser gewesen. Es ist schon schwierig, ein Team zu führen, das an zwei Orten tätig ist. Und ähnlich erging es auch den Athleten. Von ihnen wissen wir, dass sie gerne als ein Team an einem Ort auf- und angetreten wären.

Viele Athleten und Verbände sind begeistert von dem Modell, erste Bewerberstädte soll es auch schon geben. Wünschen Sie sich eine Fortsetzung der European Championships?

Flügel: Ein ganz klares Ja! Und ich bin sicher, dass es eine Fortsetzung geben wird. Dann sicherlich mit zwei, drei Sportarten mehr im Programm. Das Format hat ja gezeigt, das es alles mitbringt, was Sport so faszinierend macht.

Haben Sie denn schon Signale erhalten, dass es in vier Jahren eine Neuauflage geben wird?

Flügel: Nichts Konkretes. Aber ich höre von interessierten Ausrichterstädten. TV-seitig würden wir uns selbstverständlich eine Neuauflage wünschen. Wir haben mit dem Produkt ja auch wirklich etwas absolut Hochwertiges anzubieten.

Was hat sich Ihrer Meinung nach bewährt und welche Verbesserungen wünschen Sie sich?

Flügel: Bewährt hat sich das Modell, die European Championships zu übertragen, als wären es Olympische Spiele. Konferenzen, Medaillenentscheidungen live, Würdigung von Medaillengewinnern im Studio. Damit lagen wir ganz offensichtlich richtig. Verbessern dürfte sich die Wertschätzung für die Veranstaltung durch einzelne Fachverbände. Einige haben verstanden, welche Chance dieses Format ihrer Sportart bietet, andere leider nicht. Das heißt: Nicht alle haben vollumfänglich ihre Spitzenathleten entsandt. Aber von Letzteren haben wir mittlerweile auch vernommen, dass sie das Ganze unterschätzt hatten und bei einer Neuauflage auf jeden Fall anders handeln würden.

Das Interview führte Bettina Lenner

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 12.08.2018 | 18:00 Uhr

Stand: 12.08.18 08:30 Uhr