Reportage

BMX: Große Party und der deutsche "Vorführeffekt"

von Florian Neuhauss, Glasgow

Die BMX-Fahrer mussten am längsten auf ihren ECS-Einsatz warten. Dafür wurden sie dann frenetisch gefeiert. Die deutschen Athleten konnten die große Aufmerksamkeit aber nur kurz genießen.

"We are ready to go racing", dröhnt es aus der Lautsprecher-Anlage, alles ist bereit für die Finalläufe der BMX-EM bei den European Championships. "Make some noise", fordert der Arenasprecher im Knightswood Park - und die mehrere Tausend Zuschauer leisten Gehorsam. Die Briten machen ihrem Ruf als Radsport-begeisterte Nation alle Ehre. Höhepunkt des Vorspiels ist eine Version von "We will rock you" mit Dudelsack.

Der BMX-Parcours nord-westlich von Glasgow ist extra für die Spiele gebaut worden. Die Kosten, zunächst auf zwei Millionen Pfund taxiert, haben sich in der monatelangen Bauzeit auf 3,7 Millionen fast verdoppelt (gut 4,1 Millionen Euro). Dafür hat Schottland nun seine erste BMX-Anlage, die Olympia-Standards entspricht.

"Ich musste einfach vor Vorfreude lachen"

Als Julian Schmidt das erste Mal mit seinem BMX die Startrampe hochkommt, kann er nicht anders, als zu lachen. "Es war total laut, jeder Platz der Arena war besetzt und ich habe mich total auf das Rennen gefreut", berichtet der deutsche ECS-Starter. "Ich wollte einfach nur diese Energie nutzen." Immerhin bis ins Achtelfinale schafft es der Athlet des RC 50 Erlangen.

Nicht genug Geld für ausgiebiges Trainining vor Ort

Die BMXer waren die letzten Athleten, die in die European Championships gestartet sind. An lediglich zwei Tagen wurde das ganze Wettkampfprogramm abgespult - mit Qualifikationsläufen, Achtel-, Viertel- und Halbfinals und den Endläufen am Samstag (11.08.18). Das deutsche Team kam erst am Mittwoch in Glasgow an. Anders als andere Nationen mussten Florian Ludewig und seine Schützlinge auf ein ausgiebiges Training auf der Anlage verzichten. "Das war finanziell nicht darstellbar", erläutert der Bundestrainer.

Ballbachs EM-Abenteuer endet mit einem Sturz

BMX-Fahrer bei den ECS © imago Foto: ERIC LALMAND

Jonas Ballbach (h.) landet erst in der Bande - und gleich im Reporter.

Schmidts Teamkollege Jonas Ballbach ist deutlich gezeichnet, als er ins Ziel kommt. Die ohnehin schon teilweise zerrissenen Klamotten haben weiteren Schaden genommen. Außerdem plagen den 18-Jährigen Nacken- und Kopfschmerzen, am Rücken hat er eine Schürfwunde davongetragen.

"Ich hatte eigentlich einen guten Start", erklärt Ballbach. "Aber ich musste ganz außen fahren, da hat man in der ersten Kurve nicht viele Möglichkeiten." Und schon dort war das Rennen für ihn gelaufen. Der Lette Helvijs Babris verliert die Kontrolle über sein BMX und räumt erst den Belgier Ruben Gommers und dann Ballbach ab. Der Göppinger hat sogar noch Glück, dass die gepolsterte Streckenbegrenzung seinen Sturz abfängt. Trotzdem rasselt er mit einem Fotografen zusammen. Hätte der dort besser nicht stehen sollen? "Nee, das ist schon okay. Wenn er nah dran ist, sind die Fotos besser", meint Ballbach lachend. Doch auch für ihn ist nach dem Achtelfinale Schluss.

Sprünge bis zu 14 Meter weit

Eigentlich hatten Ludewig und Co. gehofft, einen kleinen Vorteil zu haben. Ihre Strecke in Stuttgart hat auch die Firma Clark und Kent gebaut. Doch vor Ort mussten sie feststellen, dass nicht mehr als ein ähnlicher Stil vorhanden ist. "Es geht damit los, dass die erste Kurve in die andere Richtung geht", stellt Schmidt grinsend fest. Mit bis zu 60 km/h geht es die acht Meter hohe Startrampe hinunter. Die ersten beiden Geraden mit Sprüngen von bis zu 14 Metern Weite sind Weltcup-Standard. Die folgenden "Buckelpisten", sehr eng und spitz gebaut, sind hingegen technisch sehr anspruchsvoll.

"Da haben wir mal die Aufmerksamkeit..."

Als die Medaillen vergeben werden, und die Zuschauer beim Doppelsieg von Kyle Evans und Kye Whyte fast durchdrehen, sind die Deutschen längst zum Zuschauen verdammt. "Das ist eine richtig coole Veranstaltung", meint Nadja Pries, die eigentlich selbst das Finale fest angepeilt hatte. Mit einer Portion Wehmut verfolgt die 24-Jährige am zweiten Tag das Geschehen von der Tribüne aus, und ärgert sich: "Da haben wir mal die große Aufmerksamkeit - und dann können wir uns trotzdem nicht richtig präsentieren. Der Vorführeffekt..."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 11.08.2018 | 10:05 Uhr

Stand: 11.08.18 17:45 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Russland RUS 31 19 16
2. Flagge Großbritannien GBR 26 26 22
3. Flagge Italien ITA 15 17 28
4. Flagge Niederlande NED 15 15 13
5. Flagge Deutschland GER 13 17 23
6. Flagge Frankreich FRA 13 14 15
7. Flagge Polen POL 9 6 6
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