Sebastian Coe und Hajo Seppelt in Berlin © Thomas Luerweg Foto: Thomas Luerweg

05:04 min | 10.08.2018 | Das Erste

IAAF-Präsident Coe: "Große Fortschritte gemacht"

Schwer geplagt von Korruption und Doping müht sich die IAAF um Integrität. Wo steht der Weltverband heute? ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt hat mit Präsident Sebastian Coe gesprochen.

Leichtathletik

Coe: Nicht der bessere Pharmazeut darf entscheiden

von Hajo Seppelt, Jörg Winterfeldt

Schwer geplagt von Korruption und Doping müht sich der Welt-Leichtathletik-Verband (IAAF) um Integrität. Sein Chef Sebastian Coe erklärt im ARD-Interview seine Aufräumarbeiten, Russlands fortbestehende Mängel und seine Differenzen mit dem obersten Olympier Thomas Bach.

Der große Boss macht einen entspannten Eindruck. Sebastian Coe ist nur auf der Durchreise in Berlin, er ist zu Gast bei den Meisterschaften seiner europäischen Dependance. Der frühere Olympionike Coe präsidiert im Welt-Leichtathletik-Verband. Er ist ein echter Globetrotter: gestern Nigeria, heute Berlin, Amtssitz Monaco, eine zwei Millionen Pfund teure Residenz in in Tilford, Surrey, Großbritannien.

Aber die Reisestrapazen merkt man dem echten Lord nicht an: Coe hat sich seit seinen glorreichen Athletentagen nur wenig verändert. Einige Lebenslinien mehr prägen sein Gesicht, die schwarzen Haare sind in Ehren angegraut, aber er kommt noch genauso drahtig daher wie einst in seinen weißen Sneakern und den Bluejeans mit dem dunkelblauen Polo. Definitiv ist er gut in Schuss für seine 61 Jahre, als er sich zum exklusiven Interview mit der ARD im Fernsehbereich des Berliner Olympiageländes einfindet, um über das russische Staatsdoping, seine Differenzen mit dem obersten Olympier Thomas Bach und die Aufräumarbeiten in seinem eigenen Verband zu sprechen.

Mit harter Hand

Offenkundig haben die massiven Skandale seines Sports weder seiner Jugendlichkeit noch seinem Charme Abbruch getan, obwohl er selbst nicht immer eine glückliche Figur abgegeben hat. Vertuschtes Doping, Korruption unter seinem IAAF-Amtsvorgänger Lamine Diack - aber als Coe ein Jahr nach Publikation der ersten Vorwürfe durch die ARD-Dopingredaktion vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss seiner Heimat weitgehende Ahnungslosigkeit vorgab, litt seine Glaubwürdigkeit massiv und die Politiker waren nicht amüsiert.

Inzwischen hat der Lord aber mit harter Hand und sicherem Gespür für die Macht aufräumen lassen. Die IAAF hat gravierende Maßnahmen eingeleitet, ähnliche Fehlentwicklungen für die Zukunft zu vermeiden, und Lord Coe ist dafür sogar bereit, sich mit anderen Mächtigen des Weltsports, vor allem dem deutschen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, massiv anzulegen.

Die wichtigsten Mängel

Während Bach die leidige Russland-Affäre um staatlich organisiertes Doping und dessen Vertuschung möglichst umgehend und lautlos in den Archiven vergessen lassen will, drängt Coe auf umfangreiche Konzessionen der Russen, bevor ihre Athleten wieder unter ihrer Flagge und mit der russischen Hymne international antreten dürfen. "Die beiden wichtigsten Mängel sind folgende: Wir warten auf die Bewertung durch die Welt-Antidoping-Agentur in Sachen Einhaltung des Kodex durch Russlands Antidoping-Agentur, und es geht um die Anerkennung der Arbeit von Schmid und McLaren."

Der frühere Schweizer Bundesrat Samuel Schmid hat die Ermittlungskommission des IOC geleitet, und der kanadische Chefermittler Richard McLaren hat einen Report für die Welt-Antidoping-Agentur erstellt. Sollten die Russen die Voraussetzungen nicht erfüllen, drängt Coe darauf, sie auch bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020 nicht unter ihrem Namen mit ihren nationalen Symbolen starten zu lassen. "Wenn wir das Ganze weiterspinnen, natürlich", sagt er, betont aber auch: "Ich hoffe, dazu kommt es nicht. Ich hoffe wirklich, dass es gelingt, sie wieder zuzulassen, weil sie die Richtlinien befolgen. Ich bin als ehemaliger Profi-Sportler nicht in diesen Bereich gegangen, um andere Sportler davon abzuhalten, bei Wettbewerben anzutreten."

Zwist mit Bach

Sebastian Coe bei seiner Rede in der Eröffnungsfeier von London 2012. © Imago/UPI Photo

Im Blickpunkt: Sebastian Coe bei seiner Rede während der Eröffnungsfeier von London 2012.

Coe, ein echter Lord of the Rings, Goldmedaillengewinner im 1.500-Meter-Lauf bei den boykottgeprägten Olympischen Sommerspielen 1980 und 1984, legt sich dafür sogar mit Bachs mächtigem IOC an. Dessen billige Retourkutsche nimmt er lächelnd in Kauf: Pflegte vor ihm der Boss des Welt-Leichtathletik-Verbandes durch sein Amt in einem de-facto-Automatismus als Mitglied in das IOC einzurücken, so bleibt Coe als Anführer der wichtigsten Sportart der Sommerspiele die Aufnahme bisher versagt. "Das hier ist eine Angelegenheit für das IOC, und ich kann wirklich nicht viel Würze zu dieser Frage beisteuern", sagt er.

Er habe ausreichend internationale Ämter, um seinen Sport würdig zu repräsentieren. Dass er nicht im IOC aufgenommen werde, sei "nichts, worüber ich mich permanent beschwere. Ich habe meinen Hut in den Ring geworfen als IAAF-Präsident, weil ich der IAAF dienen wollte. Ich denke nicht, dass meine Sportart nicht auf der richtigen Ebene vertreten wäre. Ich bin mir sicher, dass ich das tue."

"Es musste massive Verstöße geben"

Coe, im August 2015 zum IAAF-Präsidenten gewählt, ist überzeugt, dass sein klarer Antidoping-Kurs alternativlos war, sonst wäre die Leichtathletik an der Krise zugrunde gegangen. "Da bin ich mir absolut sicher. Sportarten sterben und verschwinden zwar nicht einfach, aber meiner Ansicht nach hätte unsere Glaubwürdigkeit und die Frage, ob wir die Probleme, mit denen wir konfrontiert wurden, auch ernsthaft angingen, ernsthaft infrage gestanden. Und ich denke, der Sport hat gezeigt, dass wir es ernsthaft angegangen sind."

Coe räumt ein, dass seine Karriere in einer weitgehend unkontrollierten Umgebung stattgefunden hat. "Es ist sehr klar, dass das System oder das Fehlen eines Systems, das ich damals durchlaufen habe, bedeutete, dass es massive Verstöße geben musste. Ich sage nicht, dass wir jetzt paradiesische Zustände hätten, eine utopische Welt, in der nie wieder Doping vorkommt."

Der frühere Politiker und Olympia-Chef-Organisator von London 2012 betont, dass seine Arbeit auf die Athleten ausgerichtet ist. "Betrüger werden herausgenommen, nicht etwa, weil uns das Vergnügen bereiten würde, wenn eine Sportlerkarriere in die Brüche geht. Vielmehr geht es darauf zurück, dass unser Antrieb immer darin besteht, die sauberen Sportler zu schützen", sagte Coe der ARD, "neue Technologien, die Medien, die Offenheit, mit der die Sportler nun erkennen, dass ein Umfeld vorzuziehen ist, wo der Wettbewerb sauber, fair und offen ist, und nicht davon bestimmt, dass der Sportler in Bahn 5 bessere Pharmazeuten hat als der in Bahn 3."

Segen der Datenschützer

In der Folge hat er zwei Problemfelder bearbeiten lassen: "Eine der Schlüsselmaßnahmen war die Verringerung der Macht des Präsidenten. Das heißt, ich kann keine Vereinbarungen, Verträge unterzeichnen, ohne Genehmigung durch ein Audit und die Finanzkommission", sagt er, "nichts wird einseitig entschieden. Der Vorstand wird stets beteiligt."

Außerdem hat er eine unabhängige Ethik-Kommission schaffen lassen, die Athletics Integrity Unit (AIU), um darüber zu wachen, dass Doping und Korruption Einhalt geboten wird. Zum Wohle größerer Transparenz gehen die Leichtathleten nun weiter als die meisten anderen Sportarten: Sie publizieren Namen und Menge von Fällen schon zu Beginn des Verfahrens. "Wir haben sechs Monate gebraucht, um uns diesbezüglich mit der zuständigen Datenschutzbehörde zu einigen. Unsere Position war, dass es sehr wichtig ist, den Prozess transparent zu gestalten. Und ein Teil des Schadens, den unser Sport genommen hat, beruhte darauf, dass zunächst keine Öffentlichkeit herrschte, dass Systeme und Prozesse in Kraft waren, die sich ewig hinzuziehen schienen."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 10.08.2018 | 10:45 Uhr

Stand: 10.08.18 16:15 Uhr