Leichtathletik

DLV-Asse träumen vom Sommermärchen in Berlin

von Bettina Lenner

In Berlin beginnt heute mit der EM der Saisonhöhepunkt der Leichtathleten. Neun Jahre nach der WM an selber Stelle will ein Rekordteam von 125 deutschen Startern den Heimvorteil im geschichtsträchtigen Olympiastadion nutzen. Die Medaillenchancen stehen gut. Emotionaler Höhepunkt dürfte der Abschied von Robert Harting werden.

Ende Juni besuchte Lisa-Marie Kwayie in ihrer Heimatstadt Berlin ein Konzert der US-Stars Beyoncé und Jay-Z. Ein gigantisches Event im Olympiastadion, das die junge deutsche Sprinterin restlos begeisterte. Vor allem aber keimte in ihr während der rauschenden Pop-Party wiederholt der Gedanke auf, dass sie rund sechs Wochen später genau dort ebenfalls Teil einer gigantischen Show sein würde. "Es kribbelt schon. Den allerersten internationalen Start bei den Erwachsenen zuhause im Berliner Olympiastadion, mehr Motivation kann man gar nicht haben, es ist Wahnsinn", schwärmte die 21-Jährige im ARD-Interview.

"Alle fiebern auf die nächste Woche hin", berichtete Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), kurz vor den kontinentalen Titelkämpfen. Neun Jahre nach der Heim-WM wollen die deutschen Athleten erneut ein spektakuläres Sportfest in der Hauptstadt feiern - und den Heimvorteil nutzen. Das mit 125 Teilnehmern größte EM-Team aller Zeiten ist eine Mischung aus Routiniers und jungen Hoffnungsträgern, die an Meisterschaften herangeführt werden sollen. Eine einmalige Gelegenheit bei einer Heim-EM zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in Tokio.

Viel Qualität im größten EM-Team aller Zeiten

Der DLV hat allerdings nicht nur Quantität, sondern auch viel Qualität mit insgesamt fünf Titelverteidigern im Team, dessen Durchschnittsalter 26 Jahre beträgt. Die nach ihrer Babypause schon wieder siegverwöhnte Kugelstoßerin Christina Schwanitz, ihr wiedererstarkter Disziplinkollege David Storl, Hürdensprinterin Cindy Roleder, die deutsche Hindernis-Rekordhalterin Gesa Krause und Dreispringer Max Heß triumphierten vor zwei Jahren in Amsterdam, als die DLV-Mannschaft insgesamt 16 Medaillen einsammelte (5 Gold, 4 Silber, 7 Bronze). Allerdings waren kurz vor den Sommerspielen nicht alle internationalen Stars am Start. Für Gonschinska ist deshalb die EM vor vier Jahren das Maß der Dinge: "Wir wollen besser sein als bei der EM in Zürich", sagte er.

Viermal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze lautete die eher durchwachsene Bilanz seinerzeit, mit dem Rückenwind des Heimpublikums sollte sie diesmal deutlich besser ausfallen. "Der Funke wird vom Publikum auf die Athleten und umgekehrt überspringen", prognostiziert Gonschinska. Die größten Goldchancen dürften dabei Schwanitz, die sich im Rekordtempo wieder in Medaillenform gebracht hat, sowie die überragenden Speerwerfer mit Weltmeister Johannes Vetter, dem deutschen Meister Andreas Hofmann und Olympiasieger Thomas Röhler besitzen. Sie belegen in dieser Reihenfolge die Plätze eins bis drei der Welt.

DLV-Team

Die deutschen Medaillenkandidaten in Berlin

Harting-Abschied ein emotionaler Höhepunkt

Im Mittelpunkt steht allerdings ausgerechnet ein Athlet, der wohl kaum in den Kampf um Edelmetall eingreifen kann. Diskus-Ass Robert Harting tritt neun Jahre nach seinem legendären ersten WM-Sieg in Berlin in seinem "Wohnzimmer" zum letzten Mal bei einer Meisterschaft an. Der Körper ist lädiert, der Olympiasieger von London 2012 froh, den harten Weg zur EM überhaupt geschafft zu haben. Ein emotionaler Höhepunkt wird sein Abschied allemal. Und vielleicht wächst der Berliner ja auch noch einmal über sich hinaus, wie es ihm im Wettkampf schon oft gelungen ist. "Da es das Finale ist, wird mich die Emotionalität im Stadion eher pushen als drücken", sagte der 33-Jährige: "Es ist ein Ort, an dem ich immer extreme Emotionen gespürt habe. Insofern ist die Magie schon drin." 66,50 m peilt Deutschlands aktuell bekanntester Leichtathlet an, der seinen letzten Wettkampf am 2. September beim ISTAF absolviert: "Meine persönlichen Ansprüche werden auch in der letzten Sekunde des Sportlerlebens nicht weichen." Größere Chancen besitzt dennoch sein Bruder und Rio-Olympiasieger Christoph, der in dieser Saison konstant weit wirft.

Siegerehrungen und Wettkämpfe mitten in der Stadt

Medaillenprognosen vermeidet der DLV auch diesmal wieder. "Das würde den Athleten nicht helfen. Wir sind dazu da, Druck wegzunehmen", erläuterte Gonschinska: "Ich kenne aber keinen Athleten, der nicht gerne auf dem Breitscheidplatz feiern würde." Dort, im Herzen der City-West, werden täglich bis zu 100.000 Besucher erwartet, die auf der "Europäischen Meile" 38 Siegerehrungen mitverfolgen können. Auch eine Arena mit 3.000 Sitzplätzen gibt es an der Gedächtniskirche: Die Kugelstoß-Qualifikation der Männer sowie die Marathon- und Geher-Wettbewerbe finden am Breitscheidplatz statt. Das schlimme Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt mit zwölf Toten im Dezember 2016 hatte die Veranstalter zunächst von der Idee abgebracht. Doch die Stadt regte an, beim Plan zu bleiben. "Die Menschen sollen dort Appetit bekommen und ins Stadion kommen", sagte DLV-Präsident Jürgen Kessing. Zweiteilen muss sich diesmal Berlino. Das Maskottchen, das bei der WM 2009 die Herzen im Sturm eroberte, ist auch jetzt wieder - mit leicht veränderter Optik - dabei.

29 Athleten unter neutraler Flagge

Insgesamt werden rund 1.600 Sportler bei der Leichtathletik-EM an den Start gehen, die erstmals unter dem Dach der European Championships ausgetragen wird. Darunter sind 29 Athleten, die unter neutraler Flagge starten. Sie haben vom Weltverband IAAF eine Ausnahmestartgenehmigung erhalten, weil sie nachweisen können, nicht Teil des russischen Dopingsystems zu sein beziehungsweise gewesen zu sein. Der russische Verband ist weiterhin suspendiert.

"Europa erwartet eine EM der Superlative"

"Wir fiebern mit Glasgow mit", sagte Gonschinska, dennoch liegt der Fokus der deutschen Leichtathleten in Berlin naturgemäß auf dem Aspekt der Heim-EM. "Das Kribbeln ist groß, die Vorfreude gigantisch. Ich glaube, da kann ich für alle Athleten sprechen", sagte Gina Lückenkemper: "Für mich ist das Olympiastadion eins der schönsten Stadien weltweit." Deutschlands aktuell beste Sprinterin peilt auf der legendären blauen Bahn, auf der Usain Bolt 2009 seine Fabel-Weltrekorde über 100 und 200 m aufstellte, selbstbewusst zwei Medaillen an. Auch diesmal ist ein erster Rekord bereits gebrochen: Mehr als 270.000 Tickets wurden bislang verkauft, so viele wie noch nie bei einer EM. "Wir benötigen 330.000 verkaufte Tickets für eine schwarze Null", sagte OK-Geschäftsführer Frank Kowalski, der betonte: "Europa erwartet eine EM der Superlative von uns."

Raus aus dem Fußball-Schatten

Der DLV hofft vor allem, mit einem "Leichtathletik-Sommermärchen" mehr aus dem langen Schatten des Fußballs treten zu können. "Ich habe scherzhaft mit ernst gemeintem Hintergrund gesagt: Nachdem unsere Fußballnationalelf in Russland sang- und klanglos ausgeschieden ist, muss derjenige, der erfolgreiche Sportler sehen will, nach Berlin kommen", sagte Kessing. "Wir müssen bei unserer EM die Chance nutzen, unsere Sportart zu präsentieren", meinte Gonschinska. Für EM-Debütantin Kwayie hat das Sommermärchen unterdessen allein mit ihrer Teilnahme schon längst begonnen: "Das ist wie ein wahr gewordener Traum."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 06.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 06.08.18 09:18 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Russland RUS 31 19 16
2. Flagge Großbritannien GBR 26 26 22
3. Flagge Italien ITA 15 17 28
4. Flagge Niederlande NED 15 15 13
5. Flagge Deutschland GER 13 17 23
6. Flagge Frankreich FRA 13 14 15
7. Flagge Polen POL 9 6 6
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