Marathonläufer vor dem Reichstagsgebäude in Berlin © imago sportfotodienst

Premiere

Das sind die European Championships

von Bettina Lenner

Sieben Sportarten, 13 Disziplinen, zehn Wettkampftage: Die European Championships bündeln die Europameisterschaften in der Leichtathletik, im Schwimmen, Turnen, Rudern, Radsport, Triathlon und Golf. Während die Leichtathleten in Berlin ihre kontinentalen Titelträger suchen, gehen die anderen Sportler in Glasgow auf Medaillenjagd.

Gemeinsam stärker - das ist der Plan der European Championships, die ab dem 2. August ihre Premiere feiern. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: "Eine Analyse hat gezeigt, dass fast fünfmal mehr Leute Leichtathletik zum Beispiel bei Commonwealth Games im Fernsehen gucken als bei einer EM", erklärt Alexandra Knoke, Senior Manager im Berliner Organisationsbüro: "Diese Zahlen sind schon erstaunlich. Da wirkt das Multisport-Konzept." So wie im Wintersport schon längst mit einer Art "Konferenzschaltung". "Ich schaue gerne Biathlon und bleibe dann auch noch beim Rodeln und Ski alpin am Bildschirm", erläutert Knoke: "Das hat so einen Sog am Ende, dass andere Sportarten, die sonst nicht so eine Präsenz haben würden, von den großen Sportarten profitieren. Man möchte einfach beim Multisport-Event dabei sein."

Der Sommersport geht nun weg von der traditionellen Einzelveranstaltung, hin zu einer gemeinsamen Marke. "Fußball hat bei uns den größten Stellenwert. Die Chancen, auch ein paar TV-Momente abzubekommen, steigt enorm, wenn man sich mit vielen guten Sportarten zusammen tut", sagte Henning Lambertz, Chefbundestrainer der deutschen Schwimmer, vor dem Start der European Championships.

Sieben Europameisterschaften unter einem Dach, wenn auch an zwei unterschiedlichen Standorten: Schwimmen, Radsport, Turnen, Rudern, Golf und Triathlon im schottischen Glasgow, Leichtathletik in Berlin. Dort, wo die Leichtathleten schon bei der WM 2009 ein rauschendes Fest feierten. Die Nation, die am Ende der Wettkämpfe sportartenübergreifend die meisten Goldmedaillen gewonnen hat, wird mit der European Championships Nations Trophy ausgezeichnet.

"Ein bisschen wie europäische Sommerspiele"

Der Fokus der deutschen Leichtathleten liegt naturgemäß auf dem Aspekt der Heim-EM. "Das ist ein Riesending. Es ist nicht jedem Sportler im Laufe der Karriere vergönnt, dass ein internationales Großereignis im eigenen Land stattfindet. Daher sind alle bis in die Haarspitzen motiviert", schildert Marathonläufer Philipp Pflieger.

Dennoch ist Frank Kowalski, Geschäftsführer der Leichtathletik-EM 2018, vom Konzept der European Championships überzeugt: "Wir sind die größte EM, das sagen wir ganz stolz. Aber der Fernsehzuschauer wird ein neues Format erleben. Er wird zehn Tage Sommersport sehen, so wie er es vom Wintersport kennt, ein bisschen wie europäische Sommerspiele. Es wird den Sommersportarten helfen, davon bin ich überzeugt." Es sei klar gewesen, "dass dieses Konstrukt nur funktioniert, wenn die Leichtathletik dabei ist", erklärte Clemens Prokop, EM-Organisationschef an der Spree und früherer Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands.

Sportverbände wittern ihre Chance

Die einzelnen Sportverbände waren für das neue Konzept relativ schnell zu begeistern und sehen es als Chance. "Sie haben auch ihre Analysen in den letzten Jahren gemacht; dass sie sehr wenig TV-Präsenz haben, ihre Zuschauerzahlen zurückgehen, eigentlich gar nicht existieren außer bei Olympischen Spielen", sagt Knoke. ARD und ZDF übertragen mehr als 100 Stunden live aus Berlin und Glasgow. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, in die mediale Richtung", so Sportdirektor Wolfgang Willam vom Deutschen Turner-Bund. Wer medial nicht stattfinde, sei der erste Verlierer: "Insofern bietet sich für das Turnen eine hervorragende Fläche, sich darzustellen." Potenziell können bis zu 1,3 Milliarden Fernsehzuschauer mit den Übertragungen erreicht werden.

Er sei "sehr glücklich darüber, dass die Sportarten zusammengefunden haben. Es ist jetzt alles geballt, sodass der Zuschauer sich auch besser orientieren kann", lobt Diskus-Riese Robert Harting, der neun Jahre zuvor bei seinem ersten von insgesamt drei WM-Triumphen Berlino lässig schulterte. Das Maskottchen, das sich einst auf der blauen Bahn so drollig zur Hauptfigur aufspielte, ist auch diesmal wieder dabei und führt während der zehn Wettkampftage eine Fernbeziehung mit der Seehund-Dame Bonnie, seinem Pendant in Glasgow.

Athleten sind begeistert

Die Sportarten im Überblick

  • Leichtathletik
  • Wassersport
  • Schwimmen
Freiwasserschwimmen
Synchronschwimmen
Wasserspringen
  • Radsport
Bahnrad
Straße
BMX
Mountainbike
  • Golf (Team)
  • Turnen (Geräteturnen)
  • Rudern
  • Triathon

Insgesamt kämpfen 4.500 Athleten um die Medaillen, darunter 290 aus Deutschland. Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause, die ihren Titel erfolgreich verteidigen will, sieht in den zwei Standorten kein Problem: "Dem Zuschauer wird das kaum auffallen, denn im Fernsehen wird es sehr komprimiert gezeigt werden. Sportarten, die vielleicht sonst eher mal in den Hintergrund rücken, können so von den anderen Sportarten getragen und aufgefangen werden." Auch der schottische Radrennfahrer Mark Cavendish, in dessen Sportart die vier olympischen Disziplinen Bahnrad, Straße, Mountainbike und BMX erstmals bei einer EM gleichzeitig stattfinden werden, ist von dem Konzept begeistert: "Absolut toll. Das bringt uns viele neue Möglichkeiten. Diese Europameisterschaft, so geballt, das ist perfekt und darauf freue ich mich."

"Die Idee einer Konkurrenzschaltung wie im Wintersport ist gut", meint Uwe Bender, der Trainer des erfolgreichen deutschen Ruder-Achters. Sein Schützling Maximilian Planer rechnet indes nicht nur mit mehr Zuschauern, sondern auch einer Steigerung des sportlichen Niveaus: "2013 war meine erste Europameisterschaft, da waren viele große Nationen gar nicht da, weil sie keinen großen Wert darauf gelegt haben. Das hat sich in den letzten Jahren schon verbessert, aber das hier gibt der Veranstaltung noch einmal einen besonderen Touch. Der Wert des Europameistertitels steigt damit."

Hörmann: "Eine hervorragende Idee"

DOSB-Präsident Alfons Hörmann ist davon überzeugt, dass die European Championships ein Erfolg werden: "Es ist eine hervorragende Idee, weil seit Jahren darüber diskutiert wird, was im Sommer als TV-Format für die Sommersportarten entwickelt werden kann." Die Premiere hat noch gar nicht begonnen, da hat die Veranstaltung schon Vorbildcharakter: Im kommenden Jahr werden am 3. und 4. August erstmals deutsche Meisterschaften von mindestens neun Verbänden als Multisportevent "Finals 2019" gleichzeitig an einem Ort ausgetragen - in Berlin.

"Die European Championships sind eine großartige Sache und eine große Chance für den Sport insgesamt", findet Marcus Neumann, Vorstand Sport des Deutschen Golf-Verbandes - auch wenn es im Terminkalender eine Kollision für die weltbesten Tourspieler gibt: Zeitgleich werden die PGA-Championships in den USA ausgetragen. Als Teilnahmeanreiz fehle zudem die Möglichkeit, Weltranglistenpunkte zu holen, so Neumann. Er hoffe dennoch, "dass sich dieser Golf-Event" durchsetzt. "In einer vom Fußball dominierten Sportmedienwelt brauchen wir starke Akzente." Es gibt aber auch Sportarten, die gar nichts mit dem neuen Veranstaltungs- und Vermarktungsformat anfangen können: "Das war noch nie Thema bei uns. Will ich auch nicht haben!", sagte etwa Sven Ressel, Sportdirektor des Deutschen Fechter-Bundes.

Zweite Auflage ist für 2022 angedacht

Die European Championships sollen sich als Marke etablieren und wie Olympia alle vier Jahre stattfinden - dann vielleicht sogar mit mehr Sportarten. "Die Großen sind dabei. Leichtathletik, Turnen, Schwimmen, das sind die Grundsportarten, die wir in der olympischen Bewegung haben. Es fehlt vielleicht eine Mannschaftssportart, das würde das Ganze noch beleben. Möglicherweise kommt es das nächste Mal hinzu, aber mit diesen sieben Sportarten ist das ein wunderbarer erster Aufschlag", sagt Kowalski, der sich sehr auf die Premiere freut: "So ein bisschen schreiben wir Geschichte."

Auch die Kanuten hätten bereits Interesse signalisiert, so Siegfried Kaidel, Sprecher der deutschen Spitzensportverbände. Sehr gut fände er es, wenn auch Weltmeisterschaften verschiedener Sportarten gebündelt stattfinden könnten. "Doch das ist Zukunftsmusik und deutlich schwieriger zu organisieren, weil jede Sportart andere Anforderungen bei ihrem Saisonhöhepunkt hat."

Dieses Thema im Programm:

Sportschau | Sportschau live | 04.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 31.07.18 13:47 Uhr