Busemanns EM-Kolumne

EM-Kolumne: Es gibt Wichtigeres als Sport

von Frank Busemann

Der Unfall der Siebenkämpferinnen Louisa Grauvogel und Mareike Arndt hat am Freitag den Leichtathletik-Abend in Berlin überschattet. In solchen Momenten wird der Sport zur Nebensache.

Der Schock saß tief. Große Betroffenheit machte sich in unseren Reihen breit, als wir von dem Verkehrsunfall der beiden Siebenkämpferinnen Louisa Grauvogel und Mareike Arndt hörten. Da heißt es immer, Sport sei die schönste Nebensache der Welt, und an solchen Ereignissen merkt man: Es stimmt. Ein sportlicher Schock hat bei weitem nicht die Dimension dieses Unfalls. Wenn Christina Schwanitz im letzten Versuch abgefangen wird, wenn Christoph Harting drei Ungültige macht, wenn irgendwas im Berliner Olympiastadion passiert, was wir nicht erwartet hatten, dann ist das für den Moment blöd. Aber nur Sport.

Und Sport ist so wichtig. Er ist der Hauptantrieb eines Leistungssportlers. Dem ordnet er alles unter, dafür steht er auf, dafür trainiert er. Für dieses Bisschen Sport, das für eine große Spanne seines Lebens Elixier und Magie gleichermaßen ist. Jeden Tag und jede Woche. Er vergießt Tränen der Erleichterung und des Misserfolgs und wird irgendwann mit besonderen Ergebnissen und Erfahrungen belohnt.

Siebenkampf: Hohe Hürden, tiefe Täler

So wie Carolin Schäfer. Ihre Vorbereitung war alles andere als einfach, aber durch den Sport hat sie gelernt, dass auch das zu einer guten Athletin gehört. Jeder Champion hat es gelernt, mit Niederlagen umzugehen und aus diesen seine Lehren zu ziehen. Oder haben sie genau diese Fähigkeiten zu einer guten Sportlerin werden lassen? Der Siebenkampf ist wie das Leben. Es gibt hohe Hürden und tiefe Täler, gute und schlechte Disziplinen, Siege und Niederlagen. Und dann schafft sie es, einen tollen Siebenkampf zu zeigen und wird mit dem dritten Platz und der Bronzemedaille belohnt. Ein grundsolider Siebenkampf, der in Summe mit einem Weltklasseergebnis endete, entzückte das Stadion und Schäfer gleichermaßen.

Grauvogel und Arndt im Wettkampf ihres Lebens

Eine Medaille war für Louisa Grauvogel und Mareike Arndt natürlich nicht in Reichweite gewesen, was aber auch nicht wichtig war. Sie standen im größten Wettkampf ihres Lebens, sollten ihn genießen, darin wachsen und haben ihn bis zur vorletzten Disziplin ganz toll gestaltet. Doch plötzlich passiert etwas, was wir nicht zu denken gewagt haben. Ein Autounfall während des Wettkampfes. Die Länge der Siebenkampfes mit seinen zahlreichen Herausforderungen erfordert eine besondere Pausenlogistik. So fuhren sie zurück ins Hotel und verunglückten auf dem Weg dorthin.

Das Sportliche wird belanglos

Und das war ein Schock. Sie konnten den Wettkampf nicht mehr fortsetzen und keiner wusste, wie es ihnen ging. Außersportliche Sorgen haben noch mehr Gewicht als die im Sport. In einem einzigen Moment werden monatelange Hoffnungen und große Freude zunichte gemacht. Plötzlich ist Sport nur noch belanglose Bagatelle. Die Niederlage als solche hat man allzu oft in eigener Hand und durch Eigenverschulden zu verantworten. Fremdeinwirkungen werden gern mit Schicksal oder Pech zu erklären versucht. Hier lagen Freud und Leid so dicht beieinander. Auf der einen Seite gewann die in der Nähe des Stadions gebliebene Schäfer eine Medaille und ihre beiden Mannschaftskolleginnen, die für eine kleine Erholung ins Hotel fahren wollten, konnten den Wettkampf so kurz vor dem Ziel nicht zu Ende bringen.

Manchmal ist das Leben grausam. Hoffen wir, dass sich die beiden vollends von diesem Vorfall erholen, sowohl körperlich als auch mental und irgendwann den Wettkampf ihres Lebens wiederholen. Irgendwo anders, irgendwie anders. Sie haben es verdient.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 12.08.2018 | 08:30 Uhr

Stand: 11.08.18 08:19 Uhr