Turner Epke Zonderland bei einer Übung am Reck in Glasgow © picture alliance/dpa

Bilanz

Glasgow 2018: Kleines Olympia mit richtig Gefühl

von Florian Neuhauss, Glasgow

Athleten und Trainer in Glasgow waren sich einig: Die European Championships haben Lust auf mehr gemacht. Es gab viel Lob, aber auch schon Ideen für eine mögliche zweite Auflage.

Als Nicola Spirig auf die Zielgerade einbiegt, erheben sich alle Zuschauer auf der Haupttribüne im Strathclyde Country Park. Standing Ovations für die Triathletin aus der Schweiz, die nach 1,5 km Schwimmen, 40 km Radfahren und nun fast 10 km Laufen nur noch wenige Meter vom Europameistertitel trennen. Kinder springen die Stufen herab an den Streckenrand, um mit der 36-Jährigen abzuklatschen. Und im großen Jubel der Fans überquert Spirig die Ziellinie. Dass die Britin Jessica Learmonth deshalb "nur" Zweite wird, interessiert die Schotten in diesem Moment nur am Rande.

Laura Lindemann ist voll des Lobes für die Zuschauer. "Es hat wirklich Spaß gemacht, es war ein richtig cooles Event", meinte die 22-jährige Berlinerin kurz nach ihrem ebenfalls bejubelten Zieleinlauf, obwohl sie wegen eines Sturzes als Vierte die angestrebten Medaillenränge knapp verpasst hat.

Gute Stimmung in allen Arenen

So wie den Triathleten erging es in den elf Wettkampftagen von Glasgow auch den übrigen Sportarten, ob beim Bahnradfahren im Velodrome, im Tollcross International Swimming Centre, Turnen im Hydro oder beim Rudern. "Die Zuschauer haben ordentlich Stimmung gemacht", sagte Maximilian Planer, Europameister mit dem Deutschland-Achter. Großbritannien belegte den enttäuschenden fünften Rang. Doch die Schotten würdigten gute Leistungen unabhängig von der Nationalität der Sportler und zeigten sich als gute Gastgeber - auch in der Stadt. "Ich habe am Bahnhof nur kurz geguckt, wo ich jetzt lang muss. Schon hat ein Mann mich gefragt, ob er mir helfen könne und hat mich sogar noch zum Bus gebracht", berichtete Planer, der anders als seine Teamkollegen nach den Wettkämpfen noch ein paar Tage in Glasgow verbrachte: "Die Schotten waren sehr gastfreundlich."

Alle Arenen waren bei den Wettkämpfen gut besucht. Das galt auch, sofern es das Wetter zugelassen hat, für die zentralen Festival-Orte, an denen sich die Schotten nicht nur zum Public Viewing, sondern auch zum Party machen mit Menschen aus den anderen Nationen trafen. So bekamen die European Championships Volksfest-Charakter. "Wir haben mit einer kleinen Idee angefangen", sagte ECS-Initiator Marc Jörg und fand es einfach nur "unglaublich", was daraus geworden ist.

Marc Jörg Initiator der European Championships

04:39 min | 12.08.2018 | Das Erste

ECS-Initiator Jörg: "Klare Absicht, weiterzumachen"

Der Schweizer Marc Jörg hatte mit dem Briten Paul Bristow die Idee zu den European Championships. Im Interview zieht er Bilanz und blickt auf die Zukunft der ECS.

Ruderverband unterschätzt die ECS-Strahlkraft

In Glasgow hatten die Russen mit Abstand am meisten zu feiern und sicherten sich die extra ausgelobte Nations Trophy. Und das obwohl die russischen Leichtathleten in Berlin wegen der verhängten Doping-Sperre gegen den Verband unter neutraler Flagge starteten und somit ihr Edelmetall offiziell nicht für Russland sammelten.

Aus deutscher Sicht lief es besonders gut für die gewohnt starken Bahnradfahrer und die Schwimmer, die sich gut erholt vom schwachen Jahr 2017 zeigten. Ihren Anteil am guten Abschneiden des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) hatten auch die Freiwasserschwimmer und die Wasserspringer, die aus dem Jubeln kaum herauskamen. Keine Medaillen gab es im Triathlon, Golfen und Turnen. Und auch die Ruderer wussten kaum zu gefallen. Allerdings hat der Verband viele seiner besten Athleten für die anstehende WM geschont. Eine Entscheidung, die erst bei Fans und Medien und dann auch bei den Ruderern selbst für Bedauern sorgte. Der Deutsche Ruderverband hatte die ECS-Strahlkraft deutlich unterschätzt.

Radsport-Weltverband will Glasgow nacheifern

Auch BMX-Fahrer Julian Schmidt war überrascht, wie gut die Veranstaltung angenommen wurde. "Ich hatte nicht erwartet, dass das hier ein kleines Olympia wird. Das ist schon sehr krass." Seine Teamkollegin Nadja Pries hat zudem gefühlt, "dass ganz Deutschland hinter uns steht. Das war ein richtiges Olympia-Feeling." Das blieb offenbar auch der UCI nicht verborgen. "Der Weltverband strebt an, zur WM 2023 wie hier alle Radsportarten zusammenzulegen", berichtete Bundestrainer Florian Ludewig. Auch der Taekwondo-Verband hat bereits auf den Erfolg der neuen Veranstaltung reagiert und angekündigt, beim nächsten Mal mit dabei sein zu wollen.

"Schon traurig, dass wir so abgeschottet sind"

An dieser Stelle muss allerdings der dezentrale Charakter der European Championships erwähnt werden, der die Sportler vor Ort anders wahrnahmen als der Fernsehzuschauer. Die Wettkampfstätten erstreckten sich nicht nur weit über das Glasgower Stadtgebiet, sondern auch andere Gemeinden und Städte. Das Loch Lommond, wo die Freiwasserschwimmer antraten, ist rund 33 km vom Zentrum Glasgows entfernt. Die Wasserspringer zeigten ihr Können in Edinburgh, das 72 Kilometer weit weg ist. "Es ist schon ein bisschen traurig, dass wir hier so abgeschottet sind", sagte die Wasserspringerin Louisa Stawczynski. Doch auch Planer nahm die Veranstaltung als eine große, gemeinsame wahr - bis auf die Leichtathletik, "weil die Wettkämpfe ja auch noch in einem anderen Land ausgetragen wurden".

Nicht ganz so weit vom Treiben in Glasgow weg waren die Golfer (72,5 km). Der Star ihrer EM war der weltberühmte Platz von Gleneagles. Die Großen der Szene blieben der Veranstaltung fern, und gaben den Fans damit auch nicht unbedingt Grund, die Reise gen Norden anzutreten.

Die übrigen Sportarten in Glasgow bekamen aber so viel Aufmerksamkeit wie sonst nie, wenn nicht gerade Olympia stattfindet. "Ich hatte anfangs die Befürchtung, dass das Wasserspringen bei den ganzen Sportarten in der Wahrnehmung untergehen würde, aber die Quoten waren super", freute sich Rekord-Europameister und Bronzemedaillengewinner Patrick Hausding.

"Wirklich toll für den Turnsport"

"Es hat auf allen Ebenen wunderbar funktioniert", befand Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz. "Die Organisation war wirklich top", betonte die dreifache Medaillengewinnerin Sarah Köhler. "Wie unsere Wettkämpfe inszeniert worden sind, war wirklich toll für unseren Sport", meinte Turnerin Kim Bui, und Lisa Brennauer, die auf ihren Rädern ebenfalls dreimal Edelmetall abgeräumt hat, sagte: "Die EM ist deutlich aufgewertet worden, ein super Event."

Warnung vor "Verschwenderspielen" und Kostenexplosion

Trotzdem gibt es längst Überlegungen zur Optimierung. Weil die Athleten sportartübergreifend kaum in Kontakt kamen, wurde bereits der Ruf nach einem "olympischen Dorf" laut. Ruderer Planer sieht jedoch auch die Nachteile dieser Idee: "In Rio mussten wir jeden Tag stundenlang im Bus sitzen, um zur Ruderstrecke und zurück zu kommen." Überhaupt müssten bei "Verbesserungen oder Ausweitungen" die Finanzen im Blick behalten werden. "Die Verschwenderspiele von Rio und Sotschi hatten wir ja nun", meinte der 27-Jährige und Lambertz warnte vor einer "Kostenexplosion". BMX-Fahrerin Pries schlug deshalb vor, "drei, vier zentrale Hotels" für möglichst viele Athleten auszuwählen.

ECS 2022 - dann in Hamburg?

Möglicherweise mehr Sportarten, leichte Anpassungen des Konzepts - mehr braucht es für die Sportler und Trainer nicht. "Mit den European Championships kann es gern so weitergehen", meinte Wasserspringerin Tina Punzel. Hamburg hat sogar schon Interesse an der Austragung in vier Jahren bekundet. Initiator Jörg hat davon bisher nur aus der Zeitung erfahren, betonte aber: "Wir haben die klare Absicht weiterzumachen. Auch die Verbände haben die Absicht ausgedrückt - und sie treffen die Entscheidungen, zum Beispiel ob neue Sportarten dazukommen." Kontakte habe es aber bereits gegeben.

Eine Neuauflage in Hamburg käme Laura Lindemann sehr gelegen. An der Elbe hat die 22-Jährige mit zwei Podesträngen in der Triathlon-Weltserie ihre bisher größten Erfolge gefeiert. Aber da wäre noch etwas: "Ich hoffe, dass es die European Championships wieder geben wird - nur dann gern ohne Sturz von mir."

Stadtrundgang

Ganz große Kunst: Glasgow kann mehr als Sport

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 12.08.2018 | 08:30 Uhr

Stand: 12.08.18 20:02 Uhr