Mittelstreckenläufer Jürgen May © imago/WEREK

EM-Geschichte

Der "Fall May", die Politik und ein Boykott

von Matthias Heidrich

Bei der Leichtathletik-EM 1969 in Athen kam es zum DLV-Boykott. Auslöser und Mittelpunkt: DDR-Flüchtling Jürgen May. Ein Eklat mit Anlauf. Der "Fall May" nahm bereits 1966 seinen Anfang und steht für die politischen Grabenkämpfe dieser Zeit, die auch in den Hinterzimmern der großen Sportverbände und nicht zuletzt auf den Rücken der Athleten ausgetragen wurden. Auch der Bruderkampf zweier Sportartikelfirmen spielte eine gewichtige Rolle.

Jürgen May war in der DDR ein Lauf-Idol, ein Vorzeige-Athlet des Regimes. 1965 avancierte der Erfurter zum zweitschnellsten Läufer der Welt über 1.500 m. Seine 3:36,4 Minuten bedeuteten Europarekord. Im selben Jahr stellte May zudem einen Weltrekord über 1.000 m (2:16,2 Min.) auf und wurde zum "Sportler des Jahres 1965" gewählt. Der damals 23-Jährige war ein kleiner Star im Osten. Damals deutete noch nichts darauf hin, dass May vier Jahre später im Mittelpunkt eines der größten Sportskandale der deutsch-deutschen Geschichte stehen würde. Vor knapp 50 Jahren boykottierten die Leichtathleten der Bundesrepublik Deutschland die Europameisterschaften in Athen. Aus Solidarität zu May, der nach seiner Flucht aus der DDR nach Westdeutschland in der griechischen Hauptstadt nicht starten durfte.

Mittelstreckenläufer Jürgen May © imago/WEREK

01:40 min | 04.08.2018 | Das Erste

Jürgen May - Ein Leichtathletik-Politikum

Das Startverbot für DDR-Flüchtling Jürgen May bei der EM 1969 in Athen sorgte für einen Skandal. Das Mittelstrecken-Ass übte Kritik, DLV-Sportwart Heinz Fallak verlas das Boykott-Statement der Athleten.

Puma, Karl Eyerkaufer und die Flucht

Damals noch nicht abzusehen, aber das Unheil nahm bereits vier Jahre zuvor seinen Lauf. Bei der EM 1966 in Budapest steckten Mittelstreckenläufer Karl Eyerkaufer und Rekordsprinter Heinz Fütterer aus Westdeutschland May im Auftrag von Puma ein Paar Laufschuhe und 100 Dollar zu. Allerdings hatte der Deutsche Verband für Leichtathletik der DDR (DVfL) einen Vertrag mit Adidas. Wegen "Verstoßes gegen die Amateurregeln" sperrte der DVfL May Anfang 1967 lebenslang. "Für die DDR war ich eine Unperson", beschrieb May Jahre später im "kicker" seine Situation nach dem Vorfall. Für ihn gab es keine Zukunft mehr in der DDR.

Todesangst im Hohlraum eines amerikanischen Straßenkreuzers

Eyerkaufer finanzierte Fluchthelfer für May. Im Juli 1967 gelang dem Leichtathleten und seiner späteren Frau Bärbel die Flucht über Ungarn nach Österreich - in einem amerikanischen Straßenkreuzer. "Eingezwängt in einen Hohlraum stand jeder von uns anderthalb Stunden lang Todesängste aus. Unser Glück: Die Ungarn waren nicht so gut ausgerüstet wie die DDR-Grenzsoldaten. Die hätten mit ihrem Gerät unsere Herztöne gehört", erzählte May der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" anlässlich seines 70. Geburtstages im Sommer 2012. Die DDR reagierte auf ihre Weise, tilgte Mays Namen aus allen Bestenlisten. "Sportler des Jahres 1965" war danach der Jenaer Fußballer Peter Ducke (vorher Platz zwei).

Paragraph 12, Absatz 9e der IAAF-Statuten

May war der festen Überzeugung, dass er seine Leichtathletik-Karriere in der Bundesrepublik fortsetzen könne und liebäugelte mit einem Start bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt. Doch daraus wurde ebenso wenig etwas wie die Teilnahme bei den Europameisterschaften ein Jahr später in Athen. Der "Republikflüchtling" hatte die Rechnung ohne den Leichtathletik-Weltverband gemacht. Nach Paragraph 12, Absatz 9e der IAAF-Statuten hatte Flüchtling May die Staatsangehörigkeit gewechselt und unterlag damit einer dreijährigen Startsperre für internationale Meisterschaften. Eine Regelung, die in Athleten-Kreisen damals wenig bekannt war, vor allem nicht die Dauer von drei Jahren.

Die Interpretation der IAAF im "Fall May" widersprach der damaligen bundesdeutschen Rechtsauffassung. Derzufolge gab es nur eine deutsche Staatsangehörigkeit, die keinen Unterschied zwischen Bürgern der Bundesrepublik und jenen der DDR kannte. So gesehen hatte mit Mays Flucht kein Nationalitätenwechsel stattgefunden. Darüber hinaus war der DVfL 1967 noch kein offiziell anerkanntes, selbständiges IAAF-Mitglied gewesen und die DDR damit auch kein Staat im Sinne des sportlichen Reglements.

DLV-Präsident Danz lässt May im Unklaren

Dr. Max Danz, ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes © imago/WEREK

DLV-Präsident Dr. Max Danz machte damals eine unglückliche Figur.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) jedenfalls meldete May über 1.500 und 5.000 m für die EM vom 16. bis 21. September 1969 in Athen. Obwohl die DLV-Führung um Präsident Dr. Max Danz wusste, dass dessen Meisterschaftssperre bis zum 1. Juni 1970 galt. May selbst wähnte sich in Unkenntnis über die Länge der Sperre auf dem Weg zurück auf die große internationale Bühne, nahm im Sommer 1969 sogar am Erdteilkampf Europa gegen Amerika in Stuttgart teil.

Aufklärung erst im Flugzeug nach Athen

Doch bereits Ende August teilte das Leichtathletik-Europakomitee dem DLV mit, dass das Mittelstrecken-Ass nicht für den Start in Athen zugelassen werde. May und der Mannschaft sagte Danz nichts darüber. Er habe die Vorbereitung des Teams nicht stören wollen und geglaubt, in Athen noch eine andere Entscheidung erreichen zu können, erklärte der DLV-Präsident hinterher. Erst im Flieger nach Griechenland informierten die Funktionäre die Athleten.

"Wir betrachten dies als eine Willkür der IAAF"

Der angestrebte Hinterzimmer-Deal gelang Danz vor Ort nicht. Auch, weil die DDR in Person von DVfL-Präsident Georg Wieczisk intervenierte und ihrerseits mit Konsequenzen drohte, sollte May starten dürfen. Der Eklat war komplett, als sich die restliche DLV-Mannschaft mit May solidarisch erklärte und mit 50:10 Stimmen beschloss, nicht an der EM teilzunehmen. "Wir betrachten dies als eine Willkür der IAAF, die die Mannschaft nicht gewillt ist hinzunehmen", sagte Fünfkampf-Olympiasiegerin und Mannschaftssprecherin Ingrid Becker. "Wir betrachten das Verbot der IAAF als einen Verstoß gegen ihr eigenes geltendes Recht. Wir wehren uns gegen die falsche Interpretation der Regeln", fügte Becker hinzu.

Das Olympische Feuer als Drohpotenzial

IAAF-Präsident David George Brownlow versuchte erfolglos, die deutsche Mannschaft umzustimmen. Als die Gastgeber auf den Plan traten und durchblicken ließen, im Gegenzug die Olympischen Spiele 1972 in München boykottieren zu wollen und zudem das Olympische Feuer nicht in Griechenland entzünden zu lassen, kam es zu einem kleinen Kompromiss. Eine erneute Abstimmung (29:27 Stimmen) ergab, dass der DLV zumindest an den vier Staffelrennen teilnehmen würde. Die Griechen waren besänftigt, doch der deutsche Eklat blieb und brachte Danz zum Rücktritt als Mannschaftsleiter. So marschierten am 16. September 1969 lediglich die Staffelläufer der BRD ins Athener Karaiskakis-Stadion ein und ernteten Pfiffe.

"Sie machten diese Angelegenheit zu ihrer persönlichen Sache"

Jürgen May, ehemaliger deutscher Mittelstrecken-, Langstrecken- und Hindernisläufer © Andreas Arnold/dpa

Jürgen May sprach sich 1969 gegen einen EM-Boykott des DLV-Teams aus.

"Ich wäre nicht mit nach Athen gefahren, wenn ich früh genug über die tatsächliche Lage Bescheid gewusst hätte", sagte May dem "Hamburger Abendblatt". Nach eigener Auskunft bat er seine Teamkollegen, trotzdem in Athen anzutreten. "Aber niemand hörte auf mich. Sie machten diese Angelegenheit zu ihrer persönlichen Sache." Seine frühere Leistungsstärke erreichte May in den folgenden Jahren nicht mehr und beendete 1972 seine Leichtathletik-Karriere. Als späterer Leiter des Sport-, Schul- und Kulturamtes im Landratsamt Main-Kinzig-Kreis organisierte der Diplomsportlehrer in den 1980er-Jahren Studienreisen nach Thüringen. Selbst mitfahren konnte er nie, das ließ die DDR-Führung nicht zu.

Überraschender Fund in Mays Stasi-Akte

Erst die Wende ermöglichte es May, seine alte Heimat zu besuchen und förderte Jahre später auch die Stasi-Akte des einstigen Ausnahmeläufers zu Tage. Darin war vermerkt, wie alles seinen Lauf nahm: 1966 in Budapest hatte die Adidas-Repräsentantin Mays "Puma-Geschäft" in den Stadienkatakomben beobachtet und weitergemeldet. "Ich hatte meine Sperre der damaligen Führung von Adidas zu verdanken, die auf Einhaltung ihres Exklusiv-Vertrages mit dem DDR-Verband bestand", so May.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 07.08.2018 | 16:00 Uhr

Stand: 02.08.18 09:54 Uhr