Leichtathletik

Harting: Chancen gestiegen, große Gefühle garantiert

von Bettina Lenner

Robert Harting bestreitet in Berlin seinen letzten Wettkampf bei einer internationalen Meisterschaft. Dort, wo seine einzigartige Karriere vor neun Jahren bei der WM so emotional begann. Der Superstar ist körperlich schwer angeschlagen, die Medaillenchancen sind allerdings nach der Qualifikation deutlich gestiegen. Große Gefühle sind zum Abschied ohnehin garantiert. Zumal er als einziger deutscher Diskuswerfer im Finale am Mittwoch (8.8.2018, live im Ersten und bei sportschau.de) steht. Während er weiterkam, scheiterten sensationall sein jüngerer Bruder Christoph, Olympiasieger von Rio, sowie der Olympia-Dritte Daniel Jasinski frühzeitig.

Diskus-Weltmeister Robert Harting 2009 in Berlin © imago/Camera 4

Wohin nur mit all der Kraft und den Emotionen? Robert Harting nach seinem WM-Triumph 2009 in Berlin.

19. August 2009: Robert Harting ist wütend, er hat sich viel vorgenommen bei der WM in seiner Wahl-Heimat Berlin. Doch vorne liegt die deutsche Diskus-Hoffnung nicht vor dem letzten Versuch. 30.000 Zuschauer feuern den Lokalmatador an, das Olympiastadion kocht. Robert Harting auch. Er geht volles Risiko, die Scheibe fliegt auf 69,43 m - der Sieg in seinem "Wohnzimmer", er schreibt Sportgeschichte.

Harting strotzt vor Kraft und Emotionen, weiß kaum wohin mit seiner unbändigen Freude. Er brüllt sie heraus, schultert das rundlich-stattliche Maskottchen Berlino, als wäre es ein Fliegengewicht, zerreißt sein Trikot. Das Ritual wird sein Markenzeichen, sogar ins aktuelle Micky-Maus-Heft hat er es damit geschafft. "Bei einigen Frauen scheint das gut anzukommen", sagt er. Nicht so bei seiner Oma. Ihr zuliebe überlebt das Leibchen zumindest den EM-Triumph 2014 in Zürich.

Diskuswerfer aus Leidenschaft

Eine Menge Trikots mussten im Laufe von Hartings imposanter Karriere dran glauben. Olympiasieger, dreimal Weltmeister, zweimal Europameister, zehn Mal deutscher Meister - der streitbare Zwei-Meter-Hüne, der sich immer treu blieb, hat gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Resultat seines Talents, seiner körperlichen Voraussetzungen, vor allem aber seines unbändigen Ehrgeizes. Robert Harting ist Diskuswerfer aus Leidenschaft. Ein Erfolgstyp und Perfektionist. Einer, der nicht aufgibt. Nur dank seines unbändigen Willens hat es der fast 34-Jährige überhaupt zur Heim-EM geschafft. Sich den sehnlichen Wunsch erfüllt, seine letzte große Meisterschaft im Nationaltrikot in seinem "Wohnzimmer" zu bestreiten. "Wäre die EM in Budapest oder Paris, hätte ich wahrscheinlich schon aufgehört. Aber jetzt will ich es ordentlich zu Ende bringen", so der Superstar: "Der Gold-Wurf vor neun Jahren hat mein Leben geprägt. Ich weiß noch genau, wie sich der Ring unter meinen Füßen angefühlt hat."

Schmerzen und immer wieder Schmerzen

Ergebnisse

Leichtathletik, Diskuswurf, Männer, Qualifikation, Gruppe A

1. Q Flagge Schweden SWE Daniel Stahl
2. Q Flagge Rumänien ROU Alin Alexandru Firfirica
3. Q Flagge Ukraine UKR Mykyta Nesterenko
4. q Flagge Deutschland GER Robert Harting
5. q Flagge Zypern CYP Apostolos Parellis
11. Flagge Deutschland GER Daniel Jasinski

Leichtathletik, Diskuswurf, Männer, Qualifikation, Gruppe B

1. Q Flagge Schweden SWE Simon Pettersson
2. Q Flagge Litauen LTU Andrius Gudzius
3. Q Flagge Estland EST Gerd Kanter
4. q Flagge Neutrales Team ANA Viktor Butenko
5. q Flagge Frankreich FRA Lolassonn Djouhan
Flagge Deutschland GER Christoph Harting

Im April zog sich der Diskus-Riese einen Anriss der Quadrizepssehne im rechten Knie zu. Ein weiteres Kapitel seiner Leidensgeschichte, die im September 2014 mit einem Kreuzbandriss im anderen Knie begonnen hatte. Harting quälte sich nach dem drohenden Saisonaus, das gleichzeitig das abrupte Ende seiner glorreichen Karriere bedeutet hätte, mit Hilfe von Spritzen und Stoßwellentherapie durch die Trainingseinheiten. Die Sehne wurde per Hammer "weichgeklopft", dann "totgespritzt". Weniger Schmerzen, aber auch weniger Gefühl. "Wie Spaghetti" sei die Sehne nun, erklärte er ebenso offen wie sachlich. Was auch heißt, dass sie leichter reißt. "Ich kümmere mich mehr um Leistungsfähigkeit als um Leistung", so der gebürtige Cottbuser: "Das war das anstrengendste Jahr in meinem Leben."

Der Alte, weiß auch sein Trainer Marko Badura, ist Harting nicht mehr, sein Körper nicht mehr leistungsfähig wie einst. Feintuning und Technik sind schwer in Mitleidenschaft gezogen - aber sein Wille ist ungebrochen. Bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg kam es zum Showdown, ganze 20 Zentimeter trennten Harting (63,92 m) im Qualifikations-Krimi als Dritten von Martin Wierig auf Platz vier, was knapp für das Ticket reichte. Anders als bei seiner Frau Julia, die die Qualifikation in einer ähnlich dramatischen Entscheidung hauchdünn verpasste.

"Ich wünsche allen deutschen Teilnehmern viel Erfolg und werde euch die Daumen drücken, dass jeder von euch seine Ziele erreicht. Besonders dir, lieber Robert Harting, wünsche ich von Herzen einen letzten großen Wettkampf in deinem Wohnzimmer." Martin Wierig via Facebook

Mit Stil von der großen Bühne verabschieden

Im Olympiastadion schließt sich nun für Robert Harting der Kreis. Dort, wo sein Stern vor neun Jahren so richtig aufging, will er sich mit Stil von der großen Bühne verabschieden. "Eigentlich habe ich auch Bock auf eine Medaille, denn ich habe schon vier Jahre keine mehr gewonnen. Seit der großen Verletzung von 2014", sagte er in der ARD-Dokumentation "Sechsviertel". Der Olympiasieger von London 2012 weiß aber auch: Den richtig großen Wurf lässt sein lädierter Körper nicht mehr zu. 66,50 m peilt der dreimalige deutsche "Sportler des Jahres", der sein Arbeitsgerät zweimal in seiner Karriere weiter als 70 m wuchtete, im Idealfall an. So weit hat er in dieser Saison noch nicht geworfen. Einst erklärte er, den Diskusring in Berlin, wenn es sein müsse, auch "mit Mistgabel und Boxershorts" zu verteidigen. Doch auch ihm ist klar: "Ich kann den Ring nicht mehr mit dem gleichen Anspruch verteidigen. Ich werde aber schon den einen oder anderen Ritter darstellen, der wehrhaft ist und kurz nochmal Ansprüche stellt."

"Ich werde alles geben"

Medaillenkandidaten sind - vor allem aber waren - eigentlich andere. Sein Bruder Christoph zählte dazu. Der Olympiasieger von Rio, zu dem er kein schlechtes, sondern eigentlich "gar kein Verhältnis" hat, scheiterte allerdings mit drei ungültigen Versuchen sensationell bereits in der Qualifikation. Auch sein ewiger Rivale, der Pole Piotr Malachowski, sowie der Olympia-Dritte Daniel Jasinski sind schon raus. Die Chancen für Publikumsliebling Robert Harting, dem 63,29 m für den Einzug in sein letztes großes Finale reichten, sind damit deutlich gestiegen.

"Andere müssen einen schlechten, ich einen guten Tag haben, damit das Leistungsgefälle sich zu meinen Gunsten verändert", hatte er bereits zuvor konstatiert. Das ist nun passiert. Hartings Wettkampfqualitäten sind ohnehin legendär. Aber zaubern kann er nicht. Oder doch? "Das Olympiastadion ist ein Ort, an dem ich immer extreme Emotionen gespürt habe. Insofern ist die Magie schon drin", sagte der erfolgreichste deutsche Leichtathlet des vergangenen Jahrzehnts, der nun der einzige deutscher Diskuswerfer im Finale ist: "Ich hoffe, von dieser Energie wieder etwas mitnehmen zu können. Ich bin voller Vorfreude und werde alles geben."

Es wird emotional

Dass seine sportliche Laufbahn dann nach dem ISTAF am 2. September unwiderruflich zu Ende ist, kann Deutschlands bekanntester Leichtathlet, der im nächsten Jahr seinen Master in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation macht, so richtig kaum glauben: "Ich kann es aussprechen, ich kann es denken. Aber verstehen werde ich das wahrscheinlich erst später." In diesen Tagen zählt nur die EM, die noch einmal richtig emotional wird. Für ihn, sein Umfeld, die Zuschauer, seine Diskus-Kollegen und Fans - ob mit oder ohne Medaille.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 07.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 07.08.18 11:46 Uhr