Schwimmen © imago/Bildbyran Fotograf: JOEL MARKLUND

06:04 min | 04.08.2018 | Das Erste | Autor/in: Hajo Seppelt, Edmund Willison, Jörg Winterfeldt

Doping: Schwimmen unter Verdacht

Geht es bei den Schwimm-Wettbewerben in Glasgow ehrlich zu? Zu wenig Trainingskontrollen, ein im Kampf gegen den Sportbetrug eher alibimäßig agierender Weltverband und verheerende Befragungsergebnisse: Es gibt Zweifel.

Doping

In Glasgow schwimmen Zweifel mit

von Hajo Seppelt, Edmund Willison, Jörg Winterfeldt

Geht es bei der Schwimm-EM ehrlich zu? Es gibt ernste Zweifel. Einige Aktive wurden zuvor nicht im Training auf Doping getestet, der Weltverband führt den Kampf gegen den Sportbetrug eher alibimäßig und eine Athletenbefragung zeigt, dass Schwimmer zum Doping weiterhin bereit sind.

Das East End von Glasgow lockt Touristen mit den historischen Wurzeln der Stadt. Dort, an der Wellshot Road, schlägt eines der Herzen der ersten europäischen Meisterschaften, einer Art Mini-Olympia, das sieben Europameisterschaften unter einem Schirm zusammenfasst. Während nämlich Berlin ab kommendem Dienstag die Leichtathletik beisteuert, bietet die schottische Metropole seit Freitag schon die andere sommerolympische Kernsportart: Schwimmen im unlängst erst renovierten Tollcross International Swimming Centre.

Binnen zehn Tagen werden unter den über 1.000 besten Athleten Europas in 72 Wettkämpfen zu Wasser Medaillen verteilt. Allerdings erhärten neue Erkenntnisse den Verdacht, dass - trotz aller internationalen Bemühungen im Antidopingkampf - auch in Glasgow bei der Vergabe von so viel Edelmetall immer noch nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Überführte Stars, eine wissenschaftliche Befragung unter Schwimmern selbst, fehlende Tests und ein für seine nachlässige Bekämpfung des Sportbetrugs kritisierter Dachverband müssen dazu führen, dass Sportfans nachhaltig das Vertrauen in das verlieren, was ihnen in Glasgow geboten wird.

Ryan Lochte entlarvt sich selbst

Traditionell zählt der Schwimmsport zu den Sportarten, in denen Doping am weitesten verbreitet ist. Schon in der DDR gehörte der Sport zu den Kernelementen des nationalen Betrugs nach Staatsplan 14.25. Bei den Asien-Spielen 1994 wurden gleich elf chinesische Schwimmerinnen positiv getestet. Und 1998 wurde die irische Schwimmerin Michelle Smith de Bruin, die bei Olympia zwei Jahre zuvor groß abgeräumt hatte, für vier Jahre gesperrt, weil in ihrem Urin noch Spuren von Androstenedione gefunden worden waren, obwohl versucht wurde, an der Probe herumzupfuschen.

Wie ungeniert selbst die Größen des Sports noch heute das Problem ignorieren, führte neulich erst der Amerikaner Ryan Lochte vor. Der sechsmalige Schwimm-Olympiasieger kassierte gerade eine 14-monatige Sperre, nachdem er den Beweis für seinen Verstoß gegen die Antidoping-Regeln selbst geliefert hatte: Er hatte ein Foto in den sozialen Netzwerken gepostet, das ihn bei einer verbotenen intravenösen Injektion zeigte.

Verheerende Befragungsergebnisse

Damir Sekulic © eyeopeningmedia

Erschreckende Umfrage-Ergebnisse: Professor Damir Sekulic von der Universität Split.

Bei den slowenischen Schwimm-Meisterschaften im vergangenen Jahr ließ der nationale Verband Damir Sekulic, Professor für Bewegungswissenschaften an der Universität Split, und seine Kollegen eine anonyme Befragung zur Verbreitung von Doping in ihrem Sport durchführen. Fast alle Teilnehmer antworteten dem Wissenschaftler. Die Ergebnisse waren verheerend. 43 Prozent glaubten, der Sportbetrug geschehe häufig, 53 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass zumindest selten gedopt würde, und elf Prozent gar räumten ein, selbst bereit zu sein zu dopen, könnte ihnen garantiert werden, dass sie keine gesundheitlichen Schäden davontrügen.

Sekulic und seine Kollegen publizierten ihre Studie im Journal of Sports Science and Medicine. "Es gab eine deutliche Korrelation zwischen größerer Kilometerleistungen und potenzieller Doping-Bereitschaft", sagte er der ARD-Dopingredaktion: "Die Schwimmer, die positive Doping-Tendenzen erklärten, waren gleichzeitig diejenigen, deren Training weitgehend auf Ausdauer ausgerichtet war, nicht auf Technik."

Das Versagen der Fina

Nach außen bemüht sich der Schwimm-Weltverband Fina um den Eindruck, er würde sich im Kampf gegen Doping ins Zeug legen. Intern allerdings hegen Experten noch immer Zweifel an der Entschlossenheit der Dachföderation. "Egal, was die Fina sagt, ihre Handlungen zeigen deutlich, dass sie nicht gegen Doping sind, dass sie nicht ernsthaft Betrüger fangen wollen, dass sie nicht ernsthaft saubere Athleten schützen", sagte John Leonard, der Chef der Welt-Vereinigung der Schwimmtrainer, der ARD-Dopingredaktion: "Der Executive Director der Fina, Cornel Marcolescu, wurde schon von zahlreichen Medien zitiert, wie er sagte: 'Man kann die Stars nicht für einige kleinere Dopingverstöße beschuldigen.'"

Fachleute erinnern sich noch immer mit Grauen an die Spiele in Rio de Janeiro 2016, als Marcolescu allzu überschwänglich den Chinesen Sun Yang umarmte, der gerade erst von einer Dopingsperre zurückgekehrt war, von der die Fina die Öffentlichkeit erst nach dem Ende der Suspendierung informierte. Leonard hält die Fina daher für völlig ungeeignet, die Herausforderungen im Sportbetrug energisch anzugehen: "Ich glaube, dass viele Athleten weltweit, in jedem Land, Doping in Mikrodosierungen anwenden", sagt Leonard: "Die Mikrodosierung hat wahrscheinlich weniger Auswirkungen auf die Gesundheit, und sie fühlen sich sicherer."

Kaum Tests

Mireia Belmonte (r.) und Fred Vergnoux © imago/Agencia EFE

Viele ungetestete Athleten: Schwimmtrainer Fred Vergnoux mit seiner Athletin Mirea Belmonte.

Nur vier Prozent ihrer gesamten Einnahmen 2016 von 59,5 Millionen Schweizer Franken gibt die Fina für Trainingskontrollen aus, den effizientesten Weg, den Betrügern auf die Schliche zu kommen. Im Jahr zuvor nur ein Prozent. Aus der neuesten Statistik der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) geht hervor, dass nur 44 Kohlenstoffisotopen-Bestimmungen vorgenommen wurden, dem Test zum Testosteron-Nachweis. Auch in Trainingskontrollen wurde nur 808 Urin-Tests auf Epo durchgeführt.

Die reine Arithmetik zeigt, dass nicht jeder Athlet, der gerade in Glasgow bei der EM an den Start geht, außerhalb von Wettkämpfen getestet worden ist. "Es wird auch einige Schwimmer geben, auch von denen, die ich betreue, die nicht von einem Anti-Doping-System erfasst wurden", sagt Fred Vergnoux, Cheftrainer des spanischen Schwimm-Verbandes. Das soll heißen: Sie sind nicht zu Zeiten getestet worden, in denen der Nachweis eines verbotenen Mittels am wahrscheinlichsten ist - im Training.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 04.08.2018 | 18:00 Uhr

Stand: 04.08.18 16:00 Uhr