Thomas Röhler (r.) und Andreas Hofmann © dpa Fotograf: Hendrik Schmidt

03:13 min | 12.08.2018 | Das Erste | Autor/in: Kaulbars, Sven

Positive ECS-Bilanz: "Wie Olympia für Europa"

Die ersten European Championships sind Geschichte, die Meinungen bei Sportlern und Verantwortlichen fast einhellig positiv. Eine Neuauflage könnte es geben - dann mit einer Ballsportart.

Bilanz

Leichtathleten in Berlin im Rausch der Gefühle

von Bettina Lenner, Berlin

Die deutschen Leichtathleten haben im Tollhaus Olympiastadion eine rauschende Sommerparty gefeiert. Beim emotionalen Abschied von Robert Harting nutzten viele frische Typen die Chance, vor heimischer Kulisse ins Rampenlicht zu treten. Athleten, Fans und Offizielle zeigten sich begeistert von Berlin: "Es waren die besten Europameisterschaften der Geschichte", lobte EAA-Boss Svein Arne Hansen.

Es flossen reichlich Tränen im Olympiastadion. Selten aus Frust, manchmal zum Abschied, vor allem aber vor Glück. Anlass zu Freudentränen gab es für das deutsche Team, mit 125 Startern das größte aller Zeiten bei einer Leichtathletik-EM, zu Genüge. Getragen von einer Welle der Euphorie in der brodelnden Berliner Arena verbuchte die DLV-Mannschaft mit insgesamt 19-mal Edelmetall die meisten Medaillen. Sechsmal Gold, siebenmal Silber und sechsmal Bronze sind eins der besten Ergebnisse seit der Wiedervereinigung. "Wir waren fokussiert auf diese Meisterschaften, wollten den nächsten Schritt gehen und zeigen, dass wir in vielen Bereichen auf einem guten Weg sind. Und da haben wir viele gute und herausragende Leistungen gesehen", sagte Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Vor der Zukunft und Olympia 2020 muss den deutschen Leichtathleten nicht bange sein.

Emotionaler Abschied von Robert Harting

Robert Harting © dpa-Bildfunk Fotograf: Kay Nietfeld/dpa

Sagte in Berlin bye-bye: Robert Harting.

Nicht mehr dabei ist dann Robert Harting. Der 33-Jährige verabschiedete sich in seinem "Wohnzimmer" unter tosendem Applaus von der großen Bühne, die ihm im Diskus-Finale praktisch alleine gehörte. Weder sein Bruder Christoph, der Olympiasieger von Rio, noch der Olympia-Dritte Daniel Jasinski hatten die Qualifikation überstanden. Mehr als Platz sechs war aus dem geplagten Körper des Perfektionisten nicht mehr herauszuholen. Doch es war ein würdiger Abschluss für den erfolgreichsten deutschen Leichtathleten der vergangenen Dekade, der bei seinem Abschied Rotz und Wasser heulte.

Arthur Abeles Zehnkampf-Märchen

Wie auch der muskelbepackte, aber dennoch zerbrechliche Zehnkämpfer Arthur Abele, der sich nach unzähligen Verletzungen und Rückschlägen im Herbst seiner Karriere zum europäischen König der Athleten krönte. Sein Zehnkampf-Märchen ist wohl die Geschichte der EM, die viele Höhepunkte hatte: die spektakuläre Flugshow von Hochspringer Mateusz Przybylko, der sich zum historischen Titel katapultierte und ebenfalls Freudentränen vergoss, oder die Machtdemonstration der deutschen Speerwerfer um Olympiasieger und Europameister Thomas Röhler. Gold gewannen zudem Weitspringerin Malaika Mihambo, die 20 Jahre nach Heike Drechsler den EM-Titel wieder nach Deutschland holte, Titelverteidigerin Gesa Felicitas Krause über 3000 m Hindernis und Speerwerferin Christin Hussong, die von der grandiosen Stimmung und ihren Emotionen ebenso überwältigt wurde wie Gina Lückenkemper nach Silber über 100 m.

Deutsche Athleten

Die deutschen Medaillengewinner von Berlin

Lückenkemper: Sprinterin mit Starpotenzial

Die deutsche Hoffnungsträgerin, die zudem mit der Staffel Bronze gewann, blieb bei der EM zum zweiten und dritten Mal in ihrer jungen Karriere unter 11 Sekunden - Weltklasse! Doch nicht erst seit ihrem Erfolg in Berlin wird sie als neues Gesicht der deutschen Leichtathletik und mögliche Nachfolgerin des meinungsstarken Robert Harting gehandelt. Eine Herausforderung, der sich die ebenso natürliche wie schlagfertige 21-Jährige zumindest derzeit noch nicht gewachsen fühlt. Sie geht gerne voran, wünscht sich aber auch, dass sich die Last auf mehrere Schultern verteilt. Vielleicht hat die Heim-EM dabei ja geholfen: Viele frische und gute Typen sind in Berlin ins Rampenlicht gerückt - und haben damit eine beinahe einmalige Chance genutzt. Durch ihre Erfolge im eigenen Land haben die häufig auffallend eloquenten und nahbaren Leichtathleten viel von der Aufmerksamkeit generiert, die sonst dem immer entrückter wirkenden Fußball vorbehalten ist.

Deutschen Männern gelingt im Lauf fast nichts

Die Enttäuschungen blieben überschaubar. Neben Christoph Hartings frühem Scheitern zählten die Leistungen der deutschen Stabhochspringer mit dem Salto nullo von Ex-Weltmeister Raphael Holzdeppe und das Qualifikations-Aus von Dreisprung-Titelverteidiger Max Heß dazu. Und während der erst 17-jährige Norweger Jakob Ingebrigtsen auf fast wundersame Weise zum Double über 1500 m und 5000 m rannte, gelang den deutschen Männern im Lauf praktisch nichts.

Atmosphäre im Stadion "brutal geil"

Andere stachelte die tolle Atmosphäre im Stadion zu Höchstleistungen an. Die junge britische Sprinterin Dina Asher-Smith schnappte sich dreimal Gold. Stabhochsprung-Wunderkind Armand Duplantis aus Schweden, gerade einmal 18 Jahre alt und ohnehin schon U20-Weltrekordhalter, überquerte erstmals die magischen sechs Meter, mit 6,05 m flog er zum Sieg. "Die geile Kulisse hat mich beflügelt und über die Latte getragen", wusste auch Przybylko zu berichten, zweiter deutscher Hochsprung-Europameister nach Dietmar Mögenburg 1982. "Das sind die schönsten und emotionalsten Europameisterschaften, die ich wahrscheinlich in meiner Karriere erleben werde. Die Leute haben das Speerwerfen geliebt", meinte Röhler. Und Lückenkemper erklärte ihren Gefühlsrausch so: "Wenn ich an die Atmosphäre denke, schießen mir gleich wieder die Tränen in die Augen. 50.000 Zuschauer meinen Namen rufen zu hören, das ist brutal geil."

Harting: "Noch deutlich besser als 2009"

Schon 2009 hatte die Leichtathletik bei der WM an selber Stelle ein rauschendes Fest gefeiert. Nun gab es eine Neuauflage der Party auf der blauen Bahn, auf der seinerzeit Usain Bolt zu seinen Fabel- Weltrekorden über 100 und 200 m gestürmt war. "Es war noch deutlich besser als 2009. Es war wunderschön", meinte Robert Harting, der vor neun Jahren in seiner Wahlheimat den ersten von drei WM-Titeln perfekt gemacht und anschließend den heimlichen WM-Star Berlino lässig geschultert hatte. Diesmal blieb das Maskottchen weit unter Form.

Ticketverkauf bricht Rekorde

Die Zuschauer hielt das nicht ab. 360.000 Tickets brachten die Veranstalter an den Mann, mehr als bei jeder der vorangegangenen 23 Europameisterschaften. 60.500 Fans am "Super-Samstag" bedeuteten einen weiteren EM-Rekord. "Es waren die besten Europameisterschaften der Geschichte, das ist sicher. Ich war bei vielen Meisterschaften, aber die Atmosphäre hier war unglaublich", lobte EAA-Boss Svein Arne Hansen. Bewährt hat sich auch die Event-Meile mit der improvisierten Arena auf dem Breitscheidplatz in der City-West. Die EM suchte die Nähe zu den Menschen - und das mit Erfolg. Nach Angaben der Organisatoren kamen während der Titelkämpfe rund 150.000 Besucher auf die Europäische Meile an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

DLV-Präsident: "Ein Sommermärchen"

Bei Bier, Currywurst und tropischen Temperaturen fieberten die Fans mit, beim Gehen und bei den Marathonwettkämpfen herrschte eine Volksfeststimmung, wie es Berlin sonst nur von seinem Marathon kennt. "Die Stimmung war ein Wahnsinn an der Strecke", sagte Geher Nils Brembach, der über 20 Kilometer Fünfter wurde. Die Gedanken an den Terror im Dezember 2016 waren zumindest vorübergehend verflogen. "Es ist ein Sommermärchen nicht nur für die deutsche Leichtathletik gewesen, sondern für die ganze Sportart", resümierte Jürgen Kessing: "Wir haben einen neuen Schub bekommen, den wir hoffentlich in den nächsten Jahren nutzen werden." Der DLV-Präsident ließ dabei allerdings unerwähnt, dass Berlin eigentlich Teil eines viel größeren Projekts war.

"European Championships" in Berlin weit weg

Erstmals hatten sich sieben Verbände zusammengetan, um ihre kontinentalen Titelkämpfe unter dem Dach der "European Championships" gemeinsam zu vermarkten. Bei den Fernsehzuschauern, Verantwortlichen und Athleten kam die Idee hervorragend an, in Berlin war allerdings von einem Multi-Sportevent wenig zu spüren. Die Leichtathleten nahmen die Wettkämpfe der anderen sechs Sportarten im fernen Glasgow (Schwimmen, Turnen, Radsport, Golf, Triathlon und Rudern) naturgemäß kaum wahr. "Für uns ist das Besondere, dass es eine EM im eigenen Land ist", sagte Cindy Roleder, EM-Dritte im Hürdensprint. Aber, so Hussong, "es ist ein super Konzept. Alles an einem Standort, wie kleine Olympische Spiele, dann wäre es echt etwas Besonderes."

Wohl Neuauflage 2022

Eine Neuauflage des neuen Multisport-Events in vier Jahren ist nach dem großen Erfolg der Premiere fast sicher. "Es gibt klar die Absicht, das weiterzumachen. Ich gehe davon aus, dass es eine Wiederholung gibt", sagte der Schweizer Marc Jörg, der gemeinsam mit seinem britischen Partner Paul Bristow das Projekt gemeinsamer Europameisterschaften vor sieben Jahren initiiert hat, im Ersten. Dann wohl mit mehr Sportarten - weitere Verbände haben bereits Interesse signalisiert - und möglichst an einem Ort. "Wir sind mit mehreren Städten im Gespräch und hoffen, den nächsten Austragungsort bis im Frühling gefunden zu haben", so Jörg. Hamburg soll interessiert sein, ebenso Rom. "Über zehn Städte und Regionen" hätten Interesse angemeldet, berichtete Bristow. Sein "nachhaltiges" Konzept kommt offenbar an: "Wir nutzen bestehende Sportstätten. Das Budget liegt unter zwei Prozent der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro und Tokio."

Was wird aus dem Olympiastadion?

Geht es nach Organisationschef Clemens Prokop und den Leichtathleten, ist Berlin der Ort der Wahl. Denn auch wenn nicht alles perfekt lief - so gab es erhebliche technische Probleme bei der Messung im Weitsprung, beim Diskuswurf und 10.000-m-Lauf -, käme den DLV-Athleten die Austragung in der deutschen Hauptstadt gerade recht: Dann wäre der Umbau des Olympiastadions in eine reine Fußball-Arena wohl vom Tisch. Entsprechende Gespräche werden derzeit geführt, weil sich Hauptmieter Hertha BSC in der oft nur zur Hälfte gefüllten Arena nicht mehr wohlfühlt und ausziehen will. Die Stadt muss bald entscheiden.

"Eine Vernichtung ist keine Lösung", betonte Robert Harting, während Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, versuchte die Gemüter zu beruhigen: "Ich habe mich während der EM mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller getroffen, und er hat mir versichert, dass die Bahn auch in Zukunft im Olympiastadion bleiben wird." Mit der Verbannung aus dem Olympiastadion würde der Leichtathletik in Deutschland die letzte Großarena genommen werden, die Schauplatz einer WM sein kann. Tränen wären auch dann wieder garantiert. Diesmal vor Wut.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 12.08.2018 | 20:15 Uhr

Stand: 12.08.18 22:15 Uhr