Material zur Probennahme © Eyeopening Media

06:13 min | 08.08.2018 | Das Erste | Autor/in: Hajo Seppelt, Moritz Radecke

Doping: IAAF auf neuen Wegen

Der Antidoping-Kampf in der Leichtathletik war diskreditiert. Nun versucht der Weltverband IAAF neue Wege zu gehen.

Doping

Leichtathletik: Der Kampf der Zukunft

von Von Hajo Seppelt, Moritz Radecke und Jörg Winterfeldt

Der Antidoping-Kampf in der Leichtathletik war diskreditiert. Korruption, Vertuschung. Nun versucht der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) neue Wege zu gehen. Auch die Europameisterschaften in Berlin sollen davon profitieren.

Der moderne Spitzensport ist eine eher unromantische Angelegenheit. Und so passt nur jener Teil der Weisheit von Antoine de Saint-Exupéry, der nichts mit dem Herzen zu tun hat: "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Die Wettkämpfe der Leichtathletik-Europameisterschaften enden nämlich nur scheinbar vor großem Publikum. In Wahrheit schließt sich noch ein entscheidender finaler Akt an für alle Sieger: Im Bauch des Stadions, diskret, müssen die Athleten zur Dopingkontrolle antreten.

Erst da entscheidet sich, vorerst, wer wirklich Sieger ist und wer nur vorübergehend aussah wie einer. Wer zur Dopingkontrolle muss, wird persönlich hingeleitet, ohne Umwege, ohne unbeaufsichtigt zu bleiben. Neun Kabinen stehen bereit, in denen Athleten Körperflüssigkeit zum Test abfüllen müssen. Dort stehen versiegelte Probenbehälter und Messgeräte zur Verfügung.

Ein Drittel muss zum Test

Pedro Branco, Leiter der Antidoping-Kommission des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (EAA) © Eyeopening Media

Herr über das EM-Dopingprogramm: Pedro Branco.

Weil die Jäger sich aber mühen, mit den immer ausgereifteren Methoden der Betrüger Schritt zu halten, lassen sie es nicht bei den Kontrollen nach dem Wettkampf bewenden. Die sind so vorhersehbar, dass nur noch ganz dilettantische Doper auf diese Weise enttarnt werden. "Wir testen auch gezielt in den Hotels, hauptsächlich vor den Wettkämpfen", sagte Pedro Branco, Leiter der Antidoping-Kommission des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (EAA), der ARD-Dopingredaktion: "Wir gehen davon aus, dass wir mindestens ein Drittel aller teilnehmenden Athleten testen, das heißt auf jeden Fall bis zu 600 Tests."

Im vergangenen Jahr hat die IAAF unter ihrem Präsidenten Sebastian Coe ihren Antidoping-Kampf neu aufgesetzt. Die Ära unter Coes Vorgänger Lamine Diack hat sich auch wegen des skandalösen Umgangs mit Betrügern nicht gerade als Ruhmesblatt entpuppt. Proben wurden vertuscht, Funktionäre ließen sich korrumpieren, Doper wurden geschützt.

Größere Transparenz

Der Brite Coe ließ im vorigen Jahr dann ein neues Fundament für den Anti-Doping-Kampf schaffen: Unter dem Dach der IAAF ließ er die unabhängige Athletics Integrity Unit AIU gründen. Zum ersten Chef der Einheit berief die IAAF den Australier Brett Clothier, der sich in der Heimat Meriten erworben hatte, indem er die Integrität im Football und Rennsport absichern half. Als obersten Aufseher lockten die Leichtathleten den langjährigen Verwaltungsboss der Welt-Antidoping-Agentur (WADA), den Neuseeländer David Howman, herüber.

Nicht zuletzt aus den leichtathletischen Lehren der Vergangenheit müht die AIU sich nun um größere Transparenz: Sie veröffentlicht im Vorfeld beginnender Prozesse Anzahl und Namen von Dopingfällen. Wie gravierend das Problem ist, hat sie auch bereitwillig offen gelegt: 382 Athleten weltweit sind gerade sanktioniert, 113 wurden die verräterischen Daten im biologischen Pass zum Verhängnis, das heißt, ihnen wurde Doping nicht über einen positiven Test, sondern über die auffällige, unnatürliche Veränderung ihrer biologischen Parameter nachgewiesen.

120 Doping-Fälle

"Ich denke, die Zukunft des Kampfes gegen Doping und Korruption wird tatsächlich auf Informationen von Whistleblowern und auf vertraulichen Ermittlungen aufbauen", sagte AIU-Chef Clothier der ARD-Dopingredaktion, "wir arbeiten dabei sehr eng mit Dopingkontrolleuren zusammen und denjenigen, die die Dopingfälle sanktionieren, um so effizient wie möglich zu sein."

Die ersten Erfolgszahlen geben Anlass zum Optimismus, dass die Jäger sich den Betrügern nähern: Seit ihrer Gründung im April 2017 war Clothiers Abteilung in etwa 120 Doping-Fällen tätig. Darunter nahm sie gleich 103 Athleten ins Visier, die 85 Medaillen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewonnen haben. Die Zahlen belegen auch die These des deutschen Kugelstoßers David Storl: Der findet es falsch, "allein Russland den schwarzen Peter" zuzuschieben, sagte neulich, "es gibt genug schwarze Schafe, die in der Leichtathletik ihr Unwesen treiben".

Leider zählt es eben zu den Lehren des modernen Spitzensports, dass man sich weder auf sein Herz noch auf seine Augen verlassen kann - nur auf wissenschaftliche Parameter.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 08.08.2018 | 09:30 Uhr

Stand: 08.08.18 09:45 Uhr