Carolin Schäfer © dpa - Bildfunk Foto: Matthias Schrader/AP/dpa

Busemanns EM-Orakel

Mehrkampf: Carolin Schäfer bereit für Edelmetall

Die deutschen Zehnkämpfer blicken verhalten optimistisch auf ihren Wettkampf bei der EM in Berlin. Siebenkämpferin Carolin Schäfer hat dagegen zuletzt gezeigt, dass sie aufs Medaillen-Treppchen klettern kann.

Der Mehrkampfblock geht mit der Bürde des Erfolgs an den Start. Holten die deutschen Mehrkämpferinnen und Mehrkämpfer im vergangenen Jahr die Hälfte aller möglichen Medaillen auf globaler Ebene, ließe sich im kontinentalen Vergleich noch Größeres erhoffen. Doch leider verhält es sich hier nicht so.

Franzose Kevin Mayer ist Topfavorit auf Gold

Bei den Herren dürfte kein Weg am aktuellen Weltmeister Kevin Mayer vorbeiführen. Wieder einmal scheint er in bestechender Form zu sein und kann sich den Luxus leisten, noch keinen Zehnkampf gezeigt haben zu müssen. Ein ausgedehnter Formtest in Ratingen zeigte, dass er nur krank, verletzt oder gefesselt in Gefahr gebracht werden kann - und dass er wieder mal mehr als 8.800 Punkte zeigen kann.

Dazu kommen Athleten namens Maicel Uibo (8.514 Punkte) oder Ilya Schkurenjow, die bei der Medaillenvergabe zu beachten sind. Der sprint- und sprunggewaltige Brite Timothy Duckworth wird in diesem Jahr mit schnellen Sprints und weiten Sprüngen Ausrufezeichen setzen.

Abele im Medaillen-Bereich

Arthur Abele (l.) und Kai Kazmirek bei den Olympischen Spielen in Rio 2016. © imago sportfoto Foto: Chai v.d. Laage

Arthur Abele (l.) ist nach dem Ausfall von Kai Kazmirek die einzige DLV-Medaillenhoffnung im Zehnkampf.

Nachdem Vizeweltmeister Rico Freimuth diese Saison vorzeitig beendet hat und der WM-Dritte Kai Kazmirek kurzfristig seinen Start absagen musste, verteilt sich die Last der Erwartungen auf den Ratingen-Sieger Arthur Abele. Er kehrte einmal mehr eindrucksvoll mit 8.481 Punkten zurück und wird aus der Olympia-Enttäuschung 2016 gelernt haben und abgeklärter in den Wettbewerb gehen. Vor zwei Jahren scheiterte er an den eigenen hohen Erwartungen und verpasste mit 600 Punkten weniger das selbstgesteckte Ziel. "Heißdüse" Abele ist gereift, muss gesund bleiben und geht dann auch über 8.500 Punkte.

Kazmireks Nachrücker Niklas Kaul bekommt ganz unverhofft und auf die Schnelle seinen ersten Einsatz in der A-Nationalmanschaft - und da gehört er auch hin. Es ist halt blöd für so junge Athleten, dass der deutsche Zehnkampf momentan ganz gut unterwegs ist. In Berlin kann er vollkommen befreit auftreten. Manchmal ist ein plötzlicher Einsatz auch gar nicht so schlecht, weil man gedanklich eigentlich nicht verlieren kann. Er wird aber an sich den Anspruch haben, ein richtig gutes Ding abzuliefern. Obwohl erst 20 Jahre alt, wird der Junioren-Weltrekordler (und das ist ein Pfund) im Fokus des Interesses stehen, da Hoffnungen schnell in die Zukunft potenziert werden.

Der Dritte im Bunde, Mathias Brugger aus Ulm, hat die Enttäuschung von London im vergangenen Jahr, als er verletzt ausschied, hoffentlich verdaut und kann im Schatten der beiden anderen in Ruhe einen soliden Wettkampf bestreiten.

Überfliegerin Thiam ist kaum zu besiegen

Bei den Damen zeichnet sich bei der Goldmedaille ein ähnliches Bild wie bei den Herren ab: Olympiasiegerin und Weltmeisterin Nafissatou Thiam aus Belgien kann sich nur selbst schlagen. Und damit sie nicht auch noch den Hochsprung gewinnt und Belgien im Medaillenspiegel vor Deutschland landet, hat man das Hochsprungfinale kurzerhand auf den zweiten Siebenkampftag gelegt. Kleiner Spaß. Allerdings ist die Klasse von Thiam derzeit atemberaubend beeindruckend.

Schäfer sollte Heimvorteil zu EM-Silber nutzen

Gleichermaßen gilt das für Carolin Schäfer, die ihren Vize-Titel von London auf kontinentaler Ebene wiederholen kann, will, muss - und wird. Jawoll, da gibt es jetzt keine andere Möglichkeit der Medaillenvergabe! Der Bronze-Platz hingegen gilt als vakant - mit großen Vorteilen für die niederländische Titelverteidigerin Anouk Vetter. Wenn ich den schwarz-rot-goldenen Staub von der Orakel-Kugel wische, sehe ich allerdings, dass Vetter auf Platz zwei ins Ziel kommen will. Tja, aber vor zwei Jahren hat sie den Titel in Amsterdam gewonnen - also zu Hause.

Den Heimvorteil wird Carolin Schäfer jetzt genauso nutzen können wie die beiden anderen deutschen Starterinnen: Mareike Arndt und Louisa Grauvogel. Bei den beiden Meisterschafts-Novizinnen geht es darum, ihre gute Form zu bestätigen und Erfahrungen zu sammeln. Grauvogel stellte bei den deutschen Meisterschaften mit dem vierten Platz über 100 Meter Hürden unter Beweis, dass sie eine Wettkampf-Typin ist. Und darauf kommt es an.

Carolin Schäfer (r.) und Nafissatou Thiam © dpa - Bildfunk Foto: David J. Phillip/AP/dpa

07:08 min | 10.08.2018 | Das Erste

Schäfer im siebten Siebenkampf-Himmel

Siebenkämpferin Carolin Schäfer gewann bei der WM 2017 Silber und feierte damit den größten Erfolg ihrer Karriere. Momente des Glücks in London.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | Sportschau live | 04.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 03.08.18 09:22 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)