Die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper (l.) feuert ihre Teamkollegin Rebekka Haase (r.) in der 4 x 100-m-Staffel an. © imago/Beautiful Sports Foto: Axel Kohring

Busemanns EM-Orakel

Sprint: Locker heißt nicht langsam!

Wenn deutsche Sprinter Medaillenchancen auf internationalem Niveau haben, dann bei Europameisterschaften. Aber sicher ist: Nur wer locker bleibt, wird es überhaupt bis ins Finale schaffen.

Die deutschen Sprinter ähneln dieses Jahr einer Wundertüte. Sind sie in den vergangenen Jahren immer mit großen Erwartungen zum Saisonhöhepunkt gereist, veranlassen die Vorleistungen in 2018 nicht zu übertriebenen Wetteinsätzen. Vielleicht ist das gut so. Nicht nur der Sprinter weiß, dass es sich nur locker schnell laufen lässt. Und wenn dann auf einmal die Nebenbahn ähnlich stark schnaufend da entlangtrommelt und im peripheren Sichtbereich gleichschnelle Gegner zu sichten sind, dann ist das kniffelig.

Kranz kann am Finale schnuppern

Jetzt gibt es mit dem deutschen Meister Kevin Kranz ein neues Gesicht. Gleich in seinem ersten Aktivenjahr weist er die Etablierten in die Schranken. Bei solchen Jungspunden weiß man manchmal nicht, wo sie das hernehmen. Und: Sie lassen sich von der Euphorie des Heimpublikums pushen! Für Kranz wird das Ziel eine neue Bestleistung sein und damit am Finale zu schnuppern.

Deutschlands Rekordhalter Julian Reus kann in seinem Schatten vielleicht unbeschwerter auftreten. Lucas Jakubczyk dürfte "zu Hause" zeigen wollen, was Erfahrung bedeutet. Die Entscheidung um die Medaillen werden die "U-10er" Zharnel Hughes (Großbritannien), Jimmy Vicaut (Frankreich) und Filippo Tortu (Italien) unter sich ausmachen.

Guliyev läuft den DLV-Sprintern davon

Über die doppelte Distanz hat sich der deutsche Meister Robin Erewa in letzter Sekunde das dritte Ticket gesichert, welches Steven Müller und Aleixo Platini Menga aufgrund guter Vorleistungen schon sicher hatten. Gegen den alten und neuen Europameister Ramil Guliyev (Türkei) werden sie nichts unternehmen können. Für die drei wird ein lockerer (siehe oben: Locker heißt nicht langsam!) Lauf um die 20,50 Sekunden das Ziel sein.

In der Staffel geht es einmal mehr darum, deutsche Wertarbeit auf die Runde zu bringen und vermeintlich international langsamere Einzelqualitäten mit perfektem Mannschaftskitt zusammenzutackern. Die Briten können sich den Stab rein rechnerisch von vorn in die Hose stecken und werden immer noch gewinnen. Aber das haben die Amerikaner auch jahrelang praktiziert und das kann sich irgendwann rächen.

Ziel "Finale" für Lückenkemper und Pinto

Tatjana Pinto © picture alliance Foto: Gladys Chai von der Laage

Für Tatjana Pinto muss das Ziel 100-m-Finale lauten.

Bei den Damen geht mit Gina Lückenkemper die allerschnellste Frau Deutschlands ins Rennen, die nun immer mit der Bemerkung "Die ist schon unter 11 gelaufen!" angekündigt wird. Dafür muss aber alles stimmen - und das geht meist auch nur gaaanz locker (siehe ganz oben). In Berlin muss genauso wie für Tatjana Pinto das Ziel "Finale!" lauten. Dort wird die britische Jahresbeste Dina Asher-Smith die Goldmedaille nach Hause laufen und nichts anbrennen lassen, was aber einen heißen Fight mit "The Flying Dutchwoman" Dafne Schippers bedeutet.

DLV-Staffel startet mit Medaillenhoffnungen

Über 200 Meter wird einmal mehr Dafne Schippers die halbe Runde in kürzester Zeit absolvieren und zeigen, dass ihre Stärke hinten raus ist und mit Dina Asher-Smith die Plätze tauschen. Bei Tatjana Pinto heißt das Ziel wieder Finale, die deutsche Meisterin Jessica-Bianca Wessolly möchte ihre Siegeszeit von Nürnberg (22,89 Sek.) bestätigen, was den Einzug ins Finale bedeuten könnte.

In der Staffel dürfen wir uns wieder berechtige Hoffnungen auf eine Medaille machen. Die Britinnen und Niederländerinnen sind wie in Amsterdam vor zwei Jahren die Favoritinnen, aber der Staffellauf schreibt seine eigenen Geschichten (Obacht: nach unten und nach oben) und von der läuferischen Klasse bringen es die deutschen Mädels mit.

Starkes deutsches 400-m-Trio

400-Meter-Läufer Johannes Trefz jubelt beim Zieleinlauf. © picture alliance Foto: Fotostand / Fusswinkel

Johannes Trefz geht als deutscher Meister über die 400 m an den Start.

Die 400 Meter waren eines der Highlights der deutschen Meisterschaften in Nürnberg. Ein Lauf, acht Athleten, sieben Bestleistungen. So was gibt es eigentlich nur bei den Bundesjugendspielen, wenn der Musiklehrer die Runde ausgemessen hat. Grandios. Vier Mann unter 46 Sekunden. Der Meister Johannes Trefz hielt dem Druck stand und trieb Patrick Schneider und Fabian Dammermann ebenfalls zu exzellenten Zeiten.

Das lässt sogar für die Staffel hoffen. Da die Medaillen für die Polenbeißer, die toughen Briten und Borlée-Belgien reserviert scheinen, ist dahinter aber alles offen. Nach Jahren der Durststrecke wäre das Balsam für die geschundenen Seelen der Rundenliebhaber.

Auch aufs Publikum kommt es an

Bei den Damen hat sich die Sprinterin Nadine Gonska auf der 400-m-Strecke nach dem Ausfall von Ruth Sophia Spelmeyer etabliert und ist erste Kraft im DLV. Mit einem beherzten Lauf schafft sie es ins Berliner Finale.

In der Staffel hat es vor zwei Jahren ganz knapp mit einer Medaille nicht geklappt. In diesem Jahr wird es ähnlich schwer, aber gerade im 400-m-Lauf kann das Publikum die zweite Luft bedeuten.

Hürden werden kein früher Stolperstein

Im 110-m-Hürdenlauf startet der Athlet Sergey Schubenkow (dessen Herkunftsland nicht genannt wird und nur mit ANA bezeichnet wird, aber irgendwie ist dann doch durchgesickert, dass er Russe ist) mit den größten Goldambitionen. Neun der 14 besten Leistungen 2018 stammen von ihm, was den anderen das Nachsehen bescheren wird. Gregor Traberwird schon im Halbfinale eine neue Saisonbestzeit zeigen können und damit sicher ins Finale einziehen. Für Erik Balnuweit und Alexander John geht es ins Halbfinale.

Über die 400 m Hürden hat es leider nur Luke Campbell zur Heim-EM geschafft. Mit einem beherzten Lauf und dem Heimvorteil kann er die Gunst der Stunde nutzen und vielleicht sogar das erste Mal unter 49 Sekunden laufen. Allerdings ist eine EM im Turniercharakter über drei Runden kräftezehrend, was schon der amtierende Weltmeister Karsten Warholm vor zwei Jahren erfahren musste, als er im Finale einbrach. Diese Erfahrung macht er sich nun zunutze und läuft nach Belieben vornweg, gefolgt von Yasmani Copello.

Roleder und Dutkiewicz werden es spannend machen

Die 100 m Hürden der Frauen sorgten in den vergangenen Jahren des Öfteren für Jubelstürme. Cindy Roleder und Pamela Dutkiewicz heimsten mal überraschend, mal mit Ansage diverse Medaillen bei großen Meisterschaften ein. Das zeigt: Die können das. Das war kein Zufall.

Alina Talay wird vorn nicht zu schlagen sein, aber dahinter ist alles offen. Hürdenlaufen ist ein lockerer (siehe ganz, ganz oben) Kampf, bei dem nicht nur sieben Gegner, sondern auch zehn Hürden in Schach gehalten werden müssen. Es könnte für eine der beiden wieder reichen, wobei Dutkiewicz momentan die etwas bessere Performance auf die Bahn bringt. Aber Roleder ist die Titelverteidigerin. Spannend.

Dawn Harper Nelson aus den USA, Pamela Dutkiewicz aus Deutschland und Sally Pearson aus Australien (v.l.) © dpa - Bildfunk Foto: David J. Phillip/AP/dpa

03:06 min | 12.08.2017 | Das Erste

Dutkiewicz fliegt in London zu Bronze

Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz gewann 2017 bei der WM in London Bronze - und verdrückte im Anschluss ein paar Tränchen vor Glück.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | FIFA Frauen WM 2019 | 04.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 31.07.18 10:59 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)