Der deutsche Kugelstoßer David Storl © picture alliance / Bernd Thissen Foto: Bernd Thissen

Busemanns EM-Orakel

Wurf: Es gilt, die Nerven im Griff zu haben

Von der "werfenden und stoßenden Abteilung" im DLV-Team dürfen bei der Leichtathletik-EM in Berlin schon allein aus Tradition einige Medaillen erwartet werden. Das aber birgt auch eine gewisse Gefahr: Halten die Favoriten auf Edelmetall den großen Erwartungen stand? Sicher ist das nicht ...

Im Kugelstoßen der Männer ruht alle Hoffnung wieder auf zwei Schultern. Die sind breit, die sind stark, die sind erfolgreich: David Storl muss es wieder richten. Aber es wird nicht einfacher. Die Konkurrenz hat sich auch auf europäischer Ebene in beachtliche Sphären katapultiert - und Storl ist ein erfahrener Athlet. Zum einen ist das gut, weil er weiß, was er kann. Aber das ist auch Mist, weil der junge Storl mal Dinger gedreht hat, die eigentlich schon verloren waren. Der Pole Michal Haratyk stößt mittlerweile in einer eigenen Liga, aber mit Storls Klasse ist wie immer eine Medaille drin, wenn er den einen Stoß trifft.

"Double-Mum" Schwanitz

Bei den Damen ist "Double-Mum" Christina Schwanitz zurück. Die Geburt ihrer Zwillinge scheint sie zu beflügeln: Mittlerweile ist sie wieder bei 20 Metern angekommen. Wenn dieser verdammte Autounfall nach den deutschen Meisterschaften nicht gewesen wäre ... Es bleibt abzuwarten, wie viel Form sie das gekostet hat. Vielleicht spielt ihr die Dankbarkeit, dass nichts passiert ist, und die Ruhe als Mutter auch in die Karten. Es gibt Wichtigeres als Sport, aber nichts Schöneres als Gewinnen.

Was ist bei den "Scheibenschmeißern" schon normal?

Der Diskuswurf der Männer sollte der große Showdown des Robert Harting werden. Die letzten internationalen Meisterschaften dieses Ausnahmeathleten hätten in Hollywood eine Goldmedaille im Skript vorgesehen. Diesen Kitsch will sein Bruder Christoph Harting aber verhindern. Roberts Verletzungsliste ist einfach zu lang, als dass er vorne reinwerfen könnte. Wäre diese EM nicht in Berlin, würde er entspannt zuschauen. Macht er aber nicht. Er will noch einmal das Beste rausholen.

Christoph Hartings Performance bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg war beeindruckend. Riesenkopfschmerzen, ein Wurf. Fertig. Reicht. Meister. Er hat in den vergangenen Jahren einiges gelernt, kann Leistung auf den Punkt abrufen. Hartingsche Gene halt.

Der Dritte im Bunde ist der Olympiadritte Daniel Jasinski, der in diesem Jahr an alte Form anschließen kann und sein letztjähriges Seuchenjahr überwunden hat. Dennoch sollte unter normalen Umständen keiner vorn in den Dreikampf von Andrius Gudzius, Daniel Stahl und Lukas Weisshaidinger eingreifen können. Aber was ist bei den "Scheibenschmeißern" schon normal?

Hinter Perkovic ist (fast) alles möglich

Bei den Damen will das ein Kilogramm schwere Gerät in 2018 nicht so recht fliegen. Muss es auch nicht. Vornweg stolziert einmal mehr die Kroatin Sandra Perkovic, aber dann tummeln sich da schon die deutschen Werferinnen mit Weiten zwischen 62 und 65 Metern. Claudine Vita liegt weitentechnisch etwas vor Shanice Craft und Nadine Müller, die aber mehr Erfahrung mitbringen.

2018 scheint auch wieder einiges möglich zu sein und der Fokus liegt ganz klar auf dem direkten Kampf Frau gegen Frau. Wer geht mit der Möglichkeit, eine Medaille gewinnen zu können, am besten um - und lässt sich nicht kirre machen? Gerade im Diskuswerfen kommt es auf Timing und Ruhe an. Auch wenn man ganz weit werfen will, darf nicht plötzlich an der Scheibe - hauruck und jetzt flieg! - gerissen werden (wissen sogar Zehnkämpfer, manche haben es aber nicht gemacht).

Auch im Speerwerfen kann leider nur einer gewinnen

Die drei deutschen Speerwerfer Thomas Röhler, Andreas Hofmann und Johannes Vetter stehen in einem Stadion nebeneinander. © dpa picture alliance Foto: Gladys Chai von der Laage

Thomas Röhler, Andreas Hofmann und Johannes Vetter (v.l.n.r.) werfen in Berlin um Gold.

Der Speerwurf der Männer ist und bleibt beängstigend. So eine Dominanz kennt man nur von saunierenden Finnen oder synchronschwimmenden Russinnen. Drei Werfer jenseits der 90 Meter und alle mit einer gehörigen Portion Selbstvertrauen ausgestattet.  Da sagt ein Andreas Hofmann vor den deutschen Meisterschaften, er will gewinnen - und macht's!

Okay, Johannes Vetter und Thomas Röhler sind nur Weltmeister und Olympiasieger, da kann man schon mal Großes ankündigen und in die Tat umsetzen. Deswegen gibt es in diesem Jahr keinen Favoriten. Doch, Deutschland! Wie im vergangenen Jahr. Wir werden Europameister! Aber welcher Name steht ganz oben? Die müssen nur aufpassen, dass ihnen nicht wieder irgendwelche Tschechen dazwischenfunken. Das wird nicht leicht. Für die anderen. Das wird ein Fest. Für uns.

Vielleicht überrascht ja Christin Hussong

Christin Hussong © picture alliance/Poppe, Cornelius/NTB scanpix/dpa Foto: Cornelius Poppe

Bronze für Christin Hussong? Warum nicht ...?!

Bei den Damen sieht es nach goldenen, silbernen und bronzenen Jahren nun etwas angestrengter aus. Aber wir sind in der Disziplin auch mehr als verwöhnt. Christin Hussong liegt in der europäischen Bestenliste momentan zwar auf Platz drei. Die Chance besteht also, aber ein Selbstläufer ist das beileibe nicht. Es kann passieren, muss aber nicht. Wäre aber schön. Ein Ding muss sie treffen. Hat Steffi Nerius vor neun Jahren bei der WM auch gemacht. Oder Christina Obergföll vor fünf Jahren. Oder Katharina Molitor vor drei Jahren oder ... Ein Ding ... Flieg!!!

Im Hammerwurf gibt es aus deutscher Sicht leider keinen Teilnehmer, der die Norm erfüllt hat und selbst bei den Frauen gibt es mit Kathrin Klaas nur eine Teilnehmerin, die versuchen wird, unter die besten zwölf zu kommen.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | FIFA Frauen WM 2019 | 04.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 31.07.18 11:00 Uhr

Das ist Frank Busemann

Geboren:
26. Februar 1975 (Recklinghausen)
Disziplinen:
Zehnkampf, Hürdensprint
Sportliche Erfolge:
Olympia-Silber 1996 (8.706 Punkte)
WM-Bronze 1997 (8.652 Punkte)
U23-Europameister 110 m Hürden 1997 (13,54 Sek.)
Juniorenweltmeister 110 m Hürden 1994 (13,47 Sek.)
Auszeichnungen:
Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis 2004
Sportler des Jahres 1996
Karriereende:
23. Juni 2003
Karriere nach der Karriere:
Vorträge/Seminare zum Thema Motivation
Buch-Autor
ARD-Leichtathletik-Experte
(Morgenmagazin, Das Erste, sportschau.de)