Busemanns EM-Kolumne

EM-Kolumne: Große Bühne statt Krankenschein

von Frank Busemann

Robert Harting riskiert für die Heim-EM seine Gesundheit. Der Diskuswerfer will seine große Karriere erfolgreich zu Ende bringen. Vernünftig ist das nicht, aber dennoch nachvollziehbar.

Ich hatte ehrlich gesagt ein wenig Angst. Nicht so sehr um Christoph, vielmehr um Robert Harting. Bei Christoph schien irgendwie klar: der kommt, der wirft, der kann das. Bei Robert hingegen stehen die Zeichen auf Abschied. Auf einen rabiaten zugleich. Ab- und angerissene, totgespritzte Sehnen, malader Körper überall. Man las nur noch Schauermärchen und bangte um seine Einsatzfähigkeit. Wie soll der die Quali schaffen? Christoph, okay, der ist fit, der ist gut drauf, der ist viel jünger. Aber Robert? Und er berichtete, dass er unter den gegebenen Umständen gut in Form sei. Unter den gegebenen Umständen. Was soviel bedeutet wie: "Ich kann eigentlich nicht, aber ich will das jetzt". Ein Leistungssportler eben.

"Das ist doch nicht gesund!"

"Nimm dir doch 'n Krankenschein" würde man ihm zurufen. "Das ist doch nicht gesund!" - die allgemeine Meinung. Die haben ja alle recht. Das bringt aber nichts. Robert hat ein Ziel und dieses heißt: Erfolgreicher Abschied in Berlin. Und dem ordnet er alles unter. Wäre Leistungssport gesund, dann hätte Deutschlands Fitnessbewegung nicht Trimm-Trab-ins-Grüne, sondern Reiß-dir-ne-Sehne geheißen.

Über die Grenzen hinaus

Robert Harting © dpa Foto: Kay Nietfeld

Robert Harting trotzt schweren Verletzungen und steht im Diskus-Finale.

Ab wann darf ein Athlet nicht mehr starten? David Storl monierte, dass Robert die Vorbildfunktion abhanden komme, wenn er so die Grenzen verschiebe. Alle - und da kann ich ohne Prüfung verallgemeinern - alle, die das deutsche Nationaltrikot tragen, haben schon einmal Sport und einen Wettkampf gemacht, obwohl ihnen etwas weh tat und zwar so sehr weh tat, dass Lieschen Müller sich eine Woche hätte krankschreiben lassen. Aber diese Athleten tragen genau deswegen diesen Adler auf der Brust, weil sie Leiden abschätzen können, sich an die Grenzen wagen und auch darüber hinausgehen.

Jeder Athlet gibt 100 Prozent

Robert sagte sogar vor den Europameisterschaften, dass es keinen gäbe, der eine solche Tortur der Rekonvaleszenz auf sich nehmen würde. Verallgemeinert behaupte ich: Doch! Ein Jeder täte das! Die eigene, individuelle Wahrnehmung geht nun mal bis zum Maximum und im Leistungssport ein wenig darüber hinaus. Das ist das Ziel. Jeder Athlet gibt 100 Prozent. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn er nämlich wüsste, dass er mehr aus sich rausholen könnte, dann würde er das tun. Ob 100 Prozent hartingsche Hingabe nur 50 oder gar 200 prozentige busemannsche wären, das sei dahingestellt. Jeder einzelne Athlet nimmt für sich in Anspruch, dass mehr nicht geht.

Es gibt keine Ausreden

Unbestritten ist Roberts Weg zurzeit steinig und hart und es verbietet sich die Frage, ob das gesund ist. Nein, das ist es nicht. Aber, wenn der Kopf sagt, ich will das jetzt, ist dem wenig entgegenzusetzen. Nichts ist schlimmer als einer Chance nachzuweinen. "Ich hätte damals alles erreichen können, aber...!" Ausreden kennen wir. Die mögen wir nicht. Für Sportler dieser Leistungsklasse gibt es leider (oder zum Glück) kein Morgen. Da gibt es nur das Heute, Hier und Jetzt. Keine Zweifel. Sind die nämlich erst einmal da, dann fliegt die Scheibe nicht und wenn die nicht fliegt, dann heißt es schnell: unprofessionell.

Robert Harting ist noch nicht fertig

Der Athlet darf nicht daran denken, was passieren könnte. Selbsterfüllende Prophezeiung nennt man so etwas. Ich warte darauf, dann passiert es auch. Deshalb können Sportler für den Moment verdrängen. Eine Verletzung heilt. Es braucht dann nur seine Zeit. Als ich merkte, dass der Körper nicht unbegrenzt belastbar ist, war das ein Schock. Ich muss auf ihn aufpassen. Soweit ist Robert noch nicht, der ist noch nicht fertig. Noch nicht ganz. Aber bald. Hoffentlich gesund.

Robert Harting bereitet sich auf seinen Wurf vor.

07:52 min | 07.08.2018 | Das Erste

Frust bei Diskuswerfern: Nur Robert Harting im Finale

Das haben sich die deutschen Diskuswerfer ganz anders vorgestellt: Nur Robert Harting erreichte das Finale. Weltmeister Christoph Harting und Daniel Jasinski schieden dagegen aus.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 08.08.2018 | 09:00 Uhr

Stand: 07.08.18 17:30 Uhr