Arthur Abele (2.v.l.) © dpa-Bildfunk Foto: Michael Kappeler/dpa

Busemanns EM-Kolumne

EM-Kolumne: Der Wettkampf der Giganten

von Frank Busemann

Der Zehnkampf begeisterte die Zuschauer im Berliner Olympiastadion. Im Mittelpunkt standen zwei Athleten, die unterschiedlicher kaum sein können. Gedanken zu einem Wettkampf, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Eigentlich wollte ich heute über das Wetter schreiben. Tss, was für ein Stümper bin ich eigentlich?! Wetter!?! Wenn einem nichts, rein gar nichts einfällt, dann palavert man über das Wetter. Aber am Mittwoch und gestern war Zehnkampf. Der Wettkampf der Giganten, die Prüfung der Vielseitigkeit, die Tortur des Lebens.

Routinier und Youngster im deutschen Team

Die Protagonisten aus deutscher Sicht könnten nicht unterschiedlicher sein.  Hier, der 32 Jahre alte, schon viermal abgeschriebene und zehnmal zurückgekehrte Arthur Abele. Dort, der 20 Jahre alte Juniorenweltmeister und -weltrekordler Niklas Kaul, der erst eine Woche zuvor das Ticket vom angeschlagenen WM-Dritten Kai Kazmirek übernommen hatte. Und dann war da noch der amtierende Weltmeister Kevin Mayer, der loslegte wie von der Tarantel gestochen. Irgendwas muss den Franzosen auch gebissen haben, dass dieser in der Form seines Lebens drei Ungültige im Weitsprung macht. Mayer war der Weltrekord anscheinend wichtiger als der Titel. Irre.

Die beiden Zehnkämper lassen sich ihr Eis schmecken.

04:07 min | 08.08.2018 | Das Erste

Abele: "Dieser Zehnkampf war einfach genial"

Zehnkampf-Europameister Arthur Abele erzählt am Bioeis-Stand, warum er nach acht Disziplinen so siegessicher war und wie er mit Niklas Kaul den Wettkampf im Olympiastadion genossen hat.

Spitzensport statt hitzefrei

Vielleicht war ihm aber auch zu warm und er dachte: wenn schon so eine Anstrengung, dann aber bitte nur de luxe und keine Hausmannskost. Damit sind wir also wieder beim Wetter: Es waren tropische Temperaturen im Olympiastadion in Berlin. Das Klima glich der Apokalypse eines explodierenden Saunakessels. Eigentlich gäbe es dann hitzefrei, Sportverbot und Sonnenbrandflatrate - aber nein, die Sportler machen Sport. Das sagt schon ihre Berufsbezeichnung. Unter dem Strich können wir aber in dieser Hinsicht von Chancengleichheit reden, da nur ein paar eingebürgerte Afrikaner an den Start gingen und der allgemeine Europäer eher nicht mit solchen Temperaturen jenseits der 36 Grad konfrontiert ist. Nur wer hiermit am besten umgehen kann, vor allem psychisch, der kann gewinnen.

Die eigene Heißdüse runterregulieren

Dann war da also dieser Arthur Abele, dieser Verrückte der Vielseitigkeit, der eigentlich schon kaputt, hinüber, klinisch tot war. Andauernd und immer wieder. Doch jedes Mal sagte er, dass er stärker zurückkomme. In Ratingen vor zwei Jahren ließ er mit 8.605 Punkten seine Klasse mal wieder aufblitzen und verkrampfte in der Hitze von Rio de Janeiro. Nun war er wieder gereift, wieder ein paar Verletzungen älter und wieder zurückgekommen. Natürlich. Und er agierte bemerkenswert reflektiert. Ein Weitsprungversuch reichte, selbst auf den letzten Stoß mit der Kugel verzichtete er. Kräfte sparen. Die eigene Heißdüse runterregulieren - im Eifer des Gefechts gegen den eigenen Antrieb zu entscheiden, schaffen nur die Großen. Kaul zeigte auch solche Qualitäten.

Kaul überraschend abgezockt

Das gibt es doch nicht, dachte ich. Solche Entscheidungen schaffen andere in ihrem ganzen Leben nicht. Kaul ist erst 20 (in Worten: zwanzig) Jahre alt. Und handelt, als sei er schon seit Jahren im Geschäft. Abgezockt und abgeklärt. Die Kräfte richtig einschätzen, Risiko und Chance abwägen ohne leichtfertig zu verschenken. Wie weit kann ich gehen? Bringt mir das was? Jede Entscheidung war auch im Nachhinein goldrichtig.

Abele hat den Titel verdient

Zum Glück bauten Abele mit dem Stab und Kaul mit dem Speer doch noch jeweils einen Fehler ein. Schwein gehabt. Das zeigte mir nämlich, dass wir nicht in einem Märchen unterwegs waren, sondern in der knallharten Realität. Obwohl sich Platz vier für Kaul und der Titel für Abele nach seinen Leidensgeschichten so anfühlen müssen. Und es gibt sie doch, die Fairness des Sports, dieser Glaube an die Mechanismen von Input und Output, von Einsatz und Ergebnis, von Aufwand und Ertrag. Manch ein Athlet gibt irgendwann auf, aber Abele hat den Glauben an seine Fähigkeiten nie verloren und wurde nun endlich im Spätherbst seiner Karriere mit dem Titel des Europameisters belohnt. Endlich! Er hat es verdient!

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 08.08.2018 | 09:00 Uhr

Stand: 09.08.18 08:00 Uhr