Zuschauer im Berliner Olympiastadion © imago/Jan Huebner

Busemanns EM-Kolumne

EM-Kolumne: Berlin, du bist so wunderbar

von Frank Busemann

Die EM zu Hause gucken statt im Stadion? Ist möglich, aber keine gleichwertige Alternative zum Erlebnis in Berlin. Die Stimmung ist grandios, die Wettkämpfe sind für Zuschauer und Athleten ein Erlebnis.

Seit Menschengedenken stellt sich der Homo Sapiens die Frage nach dem Warum. Warum soll ich jagen gehen? Warum soll ich Früchte sammeln? Irgendwann gesellten sich in der Geschichte der Evolution profanere Fragestellungen hinzu? Warum soll ich arbeiten gehen, feiern oder mich duschen? Warum soll ich zum Beispiel Sport machen? Letzteres beschleunigt das Intervall der Körperhygiene sogar. Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Der Homo BerlinnimEMsius hingegen ist ein ganz verrücktes Wesen seiner Spezies und fragt sich eben nicht: Warum soll ich Sport gucken? Der Homo Oeconimicus stellt die Nutzenmaximierung über alles. Erst muss er nämlich arbeiten, dann kauft er sich die Karten, dann schaut er anderen Menschen bei der Leibesertüchtigung zu und dann muss er zu allem Überfluss auch noch duschen. Weil er Sport geguckt hat. Verdammte Bullenhitze. Aber, es ist eine Investition in die eigenen Soft-Skills, die monetär nur unzureichend bewertet werden kann.

Das Zauberwort heißt Stimmung

Sind die Berliner denn alle Feier-Biester, die der guten Laune hörig sind? Und was ist, wenn der Homo Sportissimus da unten in der Arena nicht mehr kann und nicht mehr will? Warum schaut man sich diese EM nicht in aller Gemütlichkeit aus dem heimischen Fernsehsessel bei einem kühlen Bier und alleiniger Nutzungsmöglichkeit der häuslichen Toilette an? Warum quetscht man sich in volle S-Bahnen, stellt sich in die Schlange, sitzt drei Stunden in brütender Hitze auf unergonomisch geformten Plastikschalensitzen, kauft sich völlig überteuerte Pommes und nimmt nach Abschluss der Veranstaltung die aufwendige Rückreiseprozedur in Kauf? Warum? WARUM? WARUM?!? Das Zauberwort heißt: Stimmung!

Bilder des Tages

Medaillenregen im nassen Olympiastadion

Freut sich der Sportler, freut sich der Zuschauer

Diese fast inflationär benutzten Begriffe "Gänsehautmoment", "Hexenkessel" oder "Berlin" stimmen hier hundertprozentig. Selbst morgens, wenn erst ein paar Zuschauer im Berliner Olympiastadion zugegen sind, schaffen es diese paar Männeken, ein gutes Gefühl zu erzeugen. Und das ist wichtig. Selbst der knorrigste Athlet hat es gern, wenn er gemocht wird. Das pusht enorm. Ein gutes Gefühl ist für gute Leistung von Vorteil. Und wenn der Kessel erst einmal voll ist, dann gibt es kein Halten mehr. Der viel beschworene Heimvorteil ist nur so gut wie sein Publikum. Wenn die Zuschauer nicht mitmachen, kann ich auch in der Sahelzone Marathon laufen. Aber hier holen die Athleten gleich im Doppelpack Medaillen, Gold und Silber und Silber und Bronze. Herrlich. Der Ökonom nennt so etwas Win-Win. Der Gute-Laune-Analyst Ping-Pong-Emotionslawine. Der Sportler sagt einfach nur "geil". Freut sich der Sportler, freut sich der Zuschauer, freut sich der Sportler...

Ein Event muss es sein

Und Stimmung wissen die Veranstalter in Szene zu setzen. Als der Stadionsprecher ins Rund "Speerwerfen!" ruft, brodelt die Menge. Laute Musik und Animationen hauchen der altehrwürdigen Leichtathletik das Stimmungsbenzin der Neuzeit ein. Sport ist nicht mehr nur laufen, springen, werfen. Sport muss Event sein und wenn der Abschied eines Sportlers, der "nur" Sechster wird (Robert Harting) und die Ehrenrunde eines total verschwitzten Athletenkönigs (Arthur Abele) die Leute im Stadion hält, dann liegt das nicht an der Angst vor stinkenden Mitreisenden, dann muss da mehr als blanker Freizeitkonsum sein.

Da kann kein Fernseher, kein Bier und keine Couch gegen anstinken. Da fragt man sich nicht, was die Karte gekostet hat, wie lange ich gewartet und wie doll ich geschwitzt habe. Da haben wir dieses selig erschöpfte Strahlen des Homo Grinsebackimus, der mit der aufgemalten Fahne im Gesicht nach Hause geht, ein leichtes Klingeln im Ohr hat und dieses gute Gefühl mitnimmt, was es nur im Stadion gibt. Hier in Berlin. Diese Stimmung. Eine Wahnsinnsstimmung. Die dem "Warum" Antwort und Sinn gibt. Berlin, du bist so wunderbar.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 10.08.2018 | 10:45 Uhr

Stand: 10.08.18 07:51 Uhr