Dawn Harper Nelson aus den USA, Pamela Dutkiewicz aus Deutschland und Sally Pearson aus Australien (v.l.) © dpa - Bildfunk Foto: David J. Phillip/AP/dpa

03:06 min | 12.08.2017 | Das Erste

Dutkiewicz fliegt in London zu Bronze

Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz gewann 2017 bei der WM in London Bronze - und verdrückte im Anschluss ein paar Tränchen vor Glück.

Interview

Dutkiewicz: "Ich setze mir keine Grenze"

Pamela Dutkiewicz sicherte sich im vergangenen Jahr sensationell WM-Bronze. Heute greift die 26-Jährige ins EM-Geschehen ein. Vor dem Finale (21.50 Uhr, im Livestream bei sportschau.de) steht allerdings erst einmal die Vorschlussrunde an (19.25 Uhr). Die Hürdensprinterin im Interview über ihre Ziele in Berlin, den deutschen Rekord und ihr Image.

Frau Dutkiewicz, hat Ihr Erfolg bei der WM im vergangenen Jahr viel verändert?

Pamela Dutkiewicz: Das Drumherum ist mehr. Die Aufmerksamkeit ist größer, das finde ich toll. Für mich selbst hat sich vor allem geändert, dass ich bestätigt wurde, dass es der richtige Weg ist. Es macht natürlich noch mehr Spaß, wenn schon einmal so eine große Sache gelungen ist. Auf der anderen Seite geht es genauso weiter. Es muss genauso hart trainiert werden, und ich habe auch keinen Bonus durch die Medaille.

Sind Sie eine andere Sportlerin als vorher? Vielleicht ruhiger, selbstbewusster?

Dutkiewicz: Nicht durch die Medaille an sich, aber durch jeden Step, den ich so mache. Ich bin jedes Jahr eine neue Sportlerin. Das ist in komprimierter Zeit ein Auf und Ab und ich lerne so viel. Deswegen wachse ich jede Saison, und das ist toll. Die letzte Saison war so wunderbar und auch gekrönt von dieser Medaille. Aber richtig etwas gelernt habe ich dann in der Hallensaison danach. Als ich dachte, oh, das geht nicht so weiter. Irgendwie war ich technisch unrunder, das hat mich wieder etwas zurückgeworfen. Danach die Verletzung, das war auch ein Riesenkampf, da rauszukommen.

Es heißt ja, man wächst an seinen Niederlagen…

Dutkiewicz: Tatsächlich habe ich das so erfahren. Das Jahr 2017 war wunderbar, aber danach hatte ich fast ein bisschen Angst. Man weiß ja, so geht es nicht weiter. Es muss noch einmal runtergehen, bevor es wieder hochgeht.

Dieses Jahr war durch die Verletzung und den damit verbundenen späten Saisoneinstieg nicht einfach. Sind Sie erleichtert, es überhaupt nach Berlin geschafft zu haben?

Dutkiewicz: Absolut. Ich habe im April so eine Blockade im Rücken gehabt, ich konnte nicht schlafen, sitzen, maximal 15 Minuten trainieren, aber auch das habe ich irgendwann eingestellt. Dann ging's wieder bergauf. Ende Mai, als alle schon ihre schnelle Zeit auf die Bahn geknallt haben, hatte ich einen Muskelfaserriss im Bein und habe auf meinem Ergometer gesessen. Das war schlimm. Deswegen bin ich absolut dankbar, dass ich hier bin.

Als WM-Dritte und nach Ihren Vorleistungen gelten Sie dennoch als Medaillenkandidatin. Wie sehen Sie das?

Alle sagen, "Nimmst du dir den Druck raus, wenn du nicht sagst, du willst eine Medaille?" Weil ich ja immer sage, dass ich einen guten Lauf will. Aber vor einer Klausur sage ich auch nicht ständig, ich will eine Eins und fülle die Aufgaben nicht aus. Genau das ist es: Ich weiß, ich kann mir eine Medaille wünschen. Aber wenn ich nicht das mache, was dafür notwendig ist, dann hat das keinen Sinn. Deswegen ist wirklich mein Ziel, zwei gute Läufe und am besten im Finale den besten in meiner Karriere zu machen.

Sehen Sie sich dennoch manchmal schon vor Ihrem inneren geistigen Auge mit einer Medaille?

Dutkiewicz: Ich hab' manchmal so Momente. Dieses Träumen, das geht natürlich ganz schnell. Was gibt's denn Größeres, in Berlin, im eigenen Land - das ist großartig! Aber dann hole ich mich ganz schnell da raus und denke, mach' erstmal. Ich freue mich echt. Aber es ist letztlich ein Wettkampf wie jeder andere. Wenn man ihn im Kopf zu hoch ansetzt, wird's schwierig. Dann will man es besonders gut machen, und das geht meistens besonders in die Hose. Das Genießen kommt sowieso eigentlich erst danach. Man meint, das ist ein kurzer Moment, dieses im Ziel sein. Aber wenn ich an London denke, das ist wie ein ewig langer Film, wenn ich an die Emotionen denke.

Sie erinnern mit Ihrer Optik auf der Bahn an amerikanische Sprinterinnen, schminken sich, tragen gerne Schmuck. Ist das auch so etwas wie ein Markenzeichen?

Dutkiewicz: Da ist kein Konzept dahinter. Ich finde cool, was die Amerikanerinnen machen, mit ihren blauen Lippen und auch mit den Haaren machen sie die wildesten Sachen, aber da kann ich nicht mithalten. Im Sprint geht das halt auch, das ist wie eine kurze Bühne und das sind ja auch die extrovertierten Typen. Ich weiß nicht, ob ich das bin, aber ich habe immer Spaß daran gehabt, schon als kleines Kind. Es ist nicht so, dass ich zum Sport gehe, mich abschminke und vorher nochmal die Haare aufwühle. Für mich gehört das zum Sport dazu und deswegen mache ich das gerne, komplett konzeptlos.

Welche Reaktionen bekommen Sie?

Dutkiewicz: Eigentlich positive. Der Begriff "Tussi" ist ja ganz nah, ich finde, in Deutschland ist das ganz schnell so. Sie ist geschminkt, sie ist 'ne Tussi. Aber ich glaube, es ist wichtig, was dahintersteckt. Ich finde toll, wenn Leute dann sagen, dass es auch so ist.

"Ich denke, ich bin ein Klischeemädchen. Ich mache mich gerne hübsch, schminke mich, mache mir die Haare, habe Spaß daran, mir meine Nägel zu lackieren. Einige sagen liebevoll 'Tussi' zu mir, und das ist auch okay. Ich bin beides: Vollblut-Sportlerin und Tussi, und das eine schließt das andere nicht aus." Pamela Dutkiewicz

Die Leichtathletik-EM ist erstmals Teil des Multi-Sportevents "European Championships". Bekommen Sie hier in Berlin etwas davon mit?

Dutkiewicz: Wenig. Aber ich finde es schon eine coole Idee. Wenn erst Radsport kommt und danach Leichtathletik, dann bleibe ich am Fernseher kleben und find's vielleicht cool. Das ist ja die Idee, die dahintersteckt. So einen Fanaustausch kann ich mir schon vorstellen.

Wie sieht Ihre mittelfristige Planung aus?

Dutkiewicz: Bis Tokio 2020 ist geplant, das ist klar. Ich habe meine ersten Olympischen Spiele 2016 in Rio erlebt, da musste ich erstmal alles filtern. Ich habe in der Nacht wild geträumt, es war alles laut und bunt, die Wege waren lang. Das war eine gute Erfahrung, ich war ja auch noch recht jung. Vor zwei Jahren war ich leistungsmäßig auf einem guten Weg, aber bis 2020 habe ich noch weitere Erfahrungen gesammelt. Ich glaube, da werde ich ganz stark dort stehen. Ansonsten kann ich's echt nur so formulieren: Ich wäre gerne weitestgehend verletzungsfrei und möchte in dieser Hürdenwelt mitsprechen können.

Ihre Bestzeit von 12,61 Sekunden haben Sie im vergangenen Jahr aufgestellt. Geht noch mehr?

Dutkiewicz: Im Hürdensprint sind solche Sprünge schon möglich. Wenn man sich vorstellt, an jeder Hürde nur eine Hundertstel schneller - in Summe ist das viel. Ich glaube nicht, dass die 12,61 die Endstation sind. Ich habe den deutschen Rekord (12,42, Bettine Jahn 1983, d.Red.) jedes Jahr in meinem Vertrag drinstehen. Klar, das muss ein perfektes Rennen sein, es muss alles stimmen. Aber ich würde mir da keine Grenze setzen.

Das Interview führte Bettina Lenner

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 10.08.2018 | 10:00 Uhr

Stand: 09.08.18 08:29 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Russland RUS 31 19 16
2. Flagge Großbritannien GBR 26 26 22
3. Flagge Italien ITA 15 17 28
4. Flagge Niederlande NED 15 15 13
5. Flagge Deutschland GER 13 17 23
6. Flagge Frankreich FRA 13 14 15
7. Flagge Polen POL 9 6 6
Stand nach 187 von 187 Entscheidungen.

Alle Platzierungen | mehr