Sprinterin Gina Lückenkemper zeigt Ihr Tatoo. © Thomas Luerweg Foto: Thomas Luerweg

Leichtathletik

Lückenkemper: "Ich bin jung, das wird schnell vergessen"

von Bettina Lenner

Meinungsstark, authentisch und erfolgreich: Gina Lückenkemper ist der neue "Darling" der deutschen Leichtathletik. Die Sprinterin besitzt Starpotenzial, braucht aber noch Zeit: "Ich bin verdammt jung, das wird schnell vergessen."

Es gibt Momente, da wird es Gina Lückenkemper ein bisschen viel. Schon vor der WM im vergangenen Jahr in London, wo sie als erste Deutsche seit 26 Jahren die 100 m unter elf Sekunden lief (10,95), war sie eine begehrte Interviewpartnerin, ein Liebling der Fans. Doch nach dem Coup an der Themse "ist es bei mir über das Jahr nochmal mehr geworden", berichtet die Sprinterin im Gespräch mit sportschau.de. Warum das so ist, weiß sie genau: "Wegen der Bombenzeit. Und weil man mir die Worte nicht aus der Nase ziehen muss. Ich sage meine Meinung auch zu kritischen Themen und stehe dazu."

EM-Silber über 100 m

Unverblümt, authentisch, witzig und erfolgreich: Gina Lückenkemper kommt an. Bei der Heim-EM in Berlin stand das Stadion kopf, als sie über 100 m hinter der favorisierten Britin Dina Asher-Smith zu Silber lief. Zum zweiten und dritten Mal blieb sie in ihrer noch jungen Laufbahn unter elf Sekunden, kam sowohl im Finale als auch in der Vorschlussrunde in 10,98 Sekunden ins Ziel. Wie sie vor 34.000 Zuschauern die Nerven behielt? "Born for the stage" - geboren für die Bühne - antwortete die deutsche Meisterin im Interview-Bereich des Olympiastadions gewohnt schlagfertig und warf sich in die Deutschlandfahne gehüllt spaßeshalber divenhaft in Pose.

Locker vom Hocker zum Erfolg

Ungezwungen und extrovertiert, die Lockerheit der 21-Jährigen ist eine Gabe, die sie von vielen Konkurrentinnen unterscheidet - und einen nicht unerheblichen Teil ihres Talents ausmacht. Zuweilen gibt es vor dem Start ein Tänzchen, sie streckt die Zunge heraus, flirtet mit dem Publikum. "Das ist bei mir extrem und ich glaube, es ist eine meiner größten Stärken. Ich kann auf der Bahn locker sein, aber innerhalb von Sekunden in meinen Tunnel reinkommen." Es gebe aber, betont die Vize-Europameisterin, auch eine andere Seite: "Ich bin auch ein ernsthafter Mensch. Das bekommen aber wenige mit, weil das meistens nur im Training durchkommt."

Immer weniger "Rennen für die Tonne"

Lockerheit gepaart mit Perfektionismus, Ehrgeiz und harter Arbeit - "die Mischung macht es", meint Deutschlands aktuell beste Sprinterin, die in diesem Jahr so konstant wie nie ist. "Letztes Jahr waren noch Ausrutscher in alle Richtungen dabei. Es gab Rennen, die waren für die Tonne, es gab aber auch welche, die waren genial. Aber das ist für mich ein Prozess der Entwicklung. Ich bin eben nach wie vor verdammt jung, das wird schnell vergessen", sagt sie. 

Konstanter unter 11 Sekunden das Ziel

Sprinterin Gina Lückenkemper nach dem Gewinn der Sildermedaille über 100 Meter in Berlin. © Thomas Luerweg Foto: Thomas Luerweg

Wie geht Sprint-Diva? Gina Lückenkemper probte schon mal spaßeshalber.

Konstanter unter 11 Sekunden laufen, das ist das erklärte Ziel der schnellen Frau vom TSV Bayer Leverkusen. In Berlin gelang das schon sehr gut. "Ich möchte auch den Schritt schaffen, dass ich nicht nur zum Saisonhöhepunkt unter 11 laufe, sondern mal davor", erklärte sie: "Und dass ich nicht die zu 100 Prozent perfekten Bedingungen dafür brauche." Sie weiß, damit das gelingt, "muss ich auch noch konstanter werden, was vorne die Technik betrifft".

Auch im EM-Finale war sie schlecht aus den Blöcken gekommen, zauberte aber trotzdem ein weiteres Mal eine bärenstarke Zeit auf die Bahn. "Mein Start ist schon sehr viel besser geworden. Und ich bin froh, dass ich weiß, ich kann auch etwas verbessern", so die Studentin der Wirtschaftspsychologie, die immer echt, aber auch erstaunlich souverän für ihre erst 21 Jahre wirkt.

Medaille Nummer zwei soll am Sonntag folgen

Heute (live im Ersten und bei sportschau.de) will sich Lückenkemper nun mit der Sprintstaffel den Traum von der zweiten Medaille in Berlin erfüllen, auch wenn das DLV-Quartett durch den verletzungsbedingten Ausfall von Lisa Mayer durcheinandergewirbelt wurde. Lückenkemper macht sich deshalb keinen Kopf: "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine konkurrenzfähige Staffel auf die Bahn stellen werden. Das wird hochspannend."

Ein "Geschenk des Himmels"

So oder so wird die charismatische EM-Dritte von 2016 über 200 m schon als neuer Star der deutschen Leichtathletik gehandelt, der ehemalige DLV-Präsident Clemens Prokop bezeichnete sie bereits als "Geschenk des Himmels". "Sie ist leistungsstark, zeigt Charakter und wir suchen alle händeringend nach einem neuen Gesicht", urteilte Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann im Ersten. Kann die temperamentvolle, meinungsstarke 21-Jährige in die großen Fußstapen des scheidenden Diskus-Riesen Robert Harting treten und die deutsche Leichtathletik künftig nach außen vertreten? Noch traut sie sich das nicht zu: "Ich habe keine Probleme, meine Meinung zu sagen. Aber ob ich das in dem Umfang machen kann, wie es Robert gemacht hat, weiß ich nicht."

"Ich bin auch nur ein Mensch"

Sprinterin Gina Lückenkemper mit ihrem Pferd Picasso © https://www.berlin2018.info/

Gut, um die Seele baumeln zu lassen: Gina Lückenkemper mit ihrem Pferd Picasso.

Die deutsche Hoffnungsträgerin braucht Zeit. Zeit, sich als Persönlichkeit und Sportlerin weiterzuentwickeln. Dass sie gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit für ihren Sport fordert, ist sicherlich ein Widerspruch. Doch sie wünscht sich, dass sich die Last auf mehrere Schultern verteilt: "Am Ende bin ich auch nur ein Mensch."

Die nötige Entspannung holt sie sich bei ihrem Pferd Picasso. "Es ist gelegentlich arg viel und man kann auch nicht allem gerecht werden", sagt der Youngster mit dem Starpotenzial: "Es wird immer erwartet, dass man Höchstleistungen bringt. Aber was im Leistungssport auch mental gefordert ist, was da auf einen einprasselt, das ist enorm." Ihre Unverkrampftheit, davon ist die Top-Sprinterin überzeugt, wird sie dennoch nicht verlieren. Und auch nicht die Bodenhaftung: "Meine Eltern werden immer darauf achten, dass ich nicht abhebe."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 12.08.2018 | 20:15 Uhr

Stand: 12.08.18 10:15 Uhr