Läufer bei der Leichtathletik-WM 2017 in London.  Fotograf: Sebastian Wells

04:16 min | 06.08.2018 | Das Erste | Autor/in: Hajo Seppelt, Jost Samson

Leichtathletik: Prüfung manchmal unzureichend

Russlands Leichtathleten dürfen derzeit nur auf Antrag starten. Der ARD-Dopingredaktion liegen Beweise vor, dass die Prüfung manchmal unzureichend ist.

Doping

Prüfung mit Tücken in der Leichtathletik

von Hajo Seppelt, Jost Samson und Jörg Winterfeldt

Nach Russlands Skandal um das staatliche Dopingsystem dürfen seine Leichtathleten derzeit nur auf Antrag und nach individueller Prüfung starten. Der ARD-Dopingredaktion liegen Beweise vor, dass die Prüfung manchmal unzureichend ist. Wiederholt wurden Athleten zugelassen, die die Kriterien nicht erfüllen.

Das große Foyer des offiziellen Mannschaftshotels am Berliner Tiergarten ist ganz auf Leichtathletik-Europameisterschaften getrimmt. Das Spektakel mit seinen Erkennungsfarben lila und orange prägt das Bild. Athleten aus der Türkei sitzen herum, Holländer kommen vom Fahrstuhl, Franzosen diskutieren. Alle gut zu erkennen an ihrer jeweiligen Teamkleidung mit dem Landesnamen.

Nur Russen sucht man vergeblich. Sie nehmen teil an den Europameisterschaften, allerdings wegen des Skandals um das staatliche Dopingsystem nur unter ganz besonderen Bedingungen. Dazu zählt, dass sie keine staatlichen Symbole, weder die Flagge, noch die Hymne nutzen und nur auf individuellen Antrag und nach Prüfung als sogenannte autorisierte neutrale Athleten starten dürfen.

Russisches Schweigen

Nutzt Putins Republik für gewöhnlich den Sport und seine nationalen Stars sehr gern, um dem Land eine sympathische Außenwirkung zu geben wie etwa durch die Fußball-Weltmeisterschaft vor ein paar Wochen, so soll die Leichtathletik-EM offenbar aus russischer Sicht eher im Verborgenen hinter sich gebracht werden. Nicht einmal Elena Orlova, die offizielle Delegationsleiterin, mag etwas sagen. Ihre Athleten und Trainer, teilt sie mit, stünden erst nach den Wettkämpfen zu Gesprächen bereit.

Womöglich hat das gute Gründe. 29 autorisierte Russen sollen bei der EM starten. Vieles deutet darauf hin, dass Misstrauen der Konkurrenz angebracht ist. Zwar kontrolliert eine dreiköpfige Kommission des Welt-Leichtathletik-Verbandes (IAAF), ob russische Athleten, die ihren ANA-Start beantragen, die Kriterien erfüllen. Doch liegen der ARD-Dopingredaktion Beweise vor, dass sie offenbar mit der genauen Prüfung so ihre Probleme haben: So passieren immer wieder Athleten die Kontrolle, die mit lebenslang gesperrten Doping-Trainern zuletzt noch zusammengearbeitet haben.

Ohne weiße Weste

Arthur Abele © imago/SVEN SIMON Fotograf: Anke Waelischmiller/SVEN SIMON

Zehnkämpfer Arthur Abele: Das Misstrauen bleibt.

Das Ergebnis: Selbst die zugelassenen Russen werden kritisch beäugt. Die Konkurrenz bleibt misstrauisch auch bei der EM in Berlin, ob die ANA-Mitbewerber tatsächlich koscher sind. "Die Russen haben natürlich dementsprechend schlechtes Licht auf sich. Die haben zu kämpfen vorne und hinten, damit sie sich wieder eine weiße Weste holen", sagt der deutsche Zehnkämpfer Arthur Abele: "Bis jetzt ist die weiße Weste immer noch nicht vollbracht."

Im zuständigen Doping Review Board der IAAF sitzen die Holländerin Sylvia Barlag, 64, eine frühere Fünfkämpferin, die heute als Sicherheitsexpertin in der freien Wirtschaft tätig ist, sowie Antti Pihlakoski, 57, ein früherer Mittelstreckenläufer aus Finnland.

Der Kommission sitzt der Amerikaner Robert Hersh vor, 78, ein Jurist, der früher als Stadionsprecher gearbeitet hat, und schon unter dem früheren Skandal-Verbandspräsidenten Lamine Diack in der Kommission saß. Die Führung des eigenen Nationalverbandes wollte ihn 2014 im IAAF-Vorstand ersetzen, um so zur personellen Neuausrichtung nach den IAAF-Skandalen beizutragen.

Komplizierte Aufgabe

Um international starten zu dürfen, müssen russische Athleten sich bei dem Gremium um einen ANA-Status bewerben. In den Richtlinien zur IAAF-Wettbewerbsregel 22.1 A heißt es, dass etwa zu berücksichtigen sei, "ob Trainer, Mediziner oder andere Betreuer, mit denen der Antragsteller zusammengearbeitet hat, jemals in Anti-Doping-Verstöße verwickelt waren".

Doch offenkundig fällt eine seriöse Prüfung der nötigen Kriterien schwer. So hatte die Kommission den russischen Gehern Klavdiya Afanasyeva, Olga Eliseeva, Yuliya Lipanova, Sergey Sharypov und Sergey Shirobokov den ANA-Status erst zu- und Anfang Mai dann wieder aberkannt. Das Quintett hatte in Karakol/Kirgisien an einem Trainingscamp teilgenommen, bei dem auch der lebenslang gesperrte Dopingtrainer Viktor Chegin war, wohl einer der schlimmsten Betrüger der Szene. Zuvor hatten ARD-Recherchen belegt, dass Chegin nach seiner Sperre bereits 2016 seine Arbeit heimlich fortgesetzt hatte.

Angeleitet vom Doping-Trainer

Artjom Denmukhametov © Imago/Itar-Tass

400-m-Läufer Artjom Denmukhametov: Durch die Prüfung geschlüpft.

Um ein Haar hätte auch die EM ihren Skandal bekommen: Artjom Denmukhametov, 400-m-Läufer, war von der IAAF-Kommission bereits zum ANA-Status durchgewunken worden. Doch auf den Starterlisten in Berlin tauchte sein Name plötzlich nicht mehr auf. Offiziell, so heißt es, weil er nur die Staffel laufen sollte, die Russen aber auf eine verzichten.

Auch er vertraute auf die Trainerarbeit eines Dopers, zumindest 2017: Vladimir Kazarin, ebenfalls gesperrt und ebenfalls später weiterhin munter im Geschäft, so als wäre nichts gewesen. Versteckte Aufnahmen eines Whistleblowers für die ARD aus dem vergangenen Jahr zeigen zweifelsfrei, dass sich der russische Läufer Denmukhametov von Doping-Trainer Kazarin betreuen ließ. Die peinliche Panne weiß die IAAF nur lapidar zu erklären: "Artjom Denmukhametov erfüllte die Kriterien in den Richtlinien - basierend auf den Informationen, die zum Zeitpunkt der Überprüfung zur Verfügung standen."

Zum Schaden der Glaubwürdigkeit

Hinzu kommt noch der Fall des Hochspringers Danil Lyssenko. Auch er war mit dem ANA-Status ausgestattet. Doch erst vier Tage vor EM-Beginn wurde dieser dem Weltmeisterschaftszweiten wieder entzogen. Die IAAF-Prüfer rügten, dass Lyssenko versäumt hatte, Angaben über seinen Aufenthaltsort zu machen, so dass er für Dopingkontrolleure nicht ständig erreichbar war. "Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Die wissen doch schon, dass sie voll im Fokus sind", sagte Zehnkämpfer Abele der ARD: "Sind die einfach in dem Moment - na ja -, doof, oder steckt da mehr dahinter? Das kann ich im Moment auch nicht sagen."

Für den ganzen Sport ist die Außenwirkung verheerend. Wiederum leidet die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik, ausgerechnet zum Highlight des europäischen Sommers. "Sicherlich hätten sie es besser machen können, ganz sicher", sagt der Chef des Europäischen Leichtathletik-Verbandes (EAA), der Norweger Svein Arne Hansen, 72: "Ich bin persönlich sehr enttäuscht, weil ich mit allen Russen befreundet bin. Aber sie wussten es, und sie hätten es besser machen müssen als nicht die Kriterien zu befolgen, die wir festgelegt haben. Es ist eine traurige Angelegenheit."

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 06.08.2018 | 17:30 Uhr

Stand: 06.08.18 17:30 Uhr