Henning Lambertz © imago Foto:  EIBNER/Kleindl

Schwimmen

Lambertz: "Wellbrock? Auf einem anderen Stern!"

Die deutschen Schwimmer sind wieder da: Nach der enttäuschenden WM im Vorjahr hat die Auswahl von Henning Lambertz bei den European Championships achtmal Edelmetall gesammelt. Der Bundestrainer im Interview.

Die Mannschaft des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) war nach den jüngsten Enttäuschungen mit einer großen Hypothek nach Glasgow gefahren. Nach sieben Wettkampftagen kann Bundestrainer Henning Lambertz aber aufatmen, seine Schützlinge haben einige Erfolge gefeiert. Nach der WM im Vorjahr mit nur einmal Edelmetall gab es bei den European Championships gleich acht Medaillen. Für die EM-Höhepunkte sorgten Florian Wellbrock mit der Goldmedaille über 1.500 m - der ersten für Deutschland seit 21 Jahren. Und die deutsche Mixed-Staffel über 4x200 m Freistil, die ebenfalls Rang eins belegte.

Herr Lambertz, die deutschen Schwimmer wollten diese European Championships nutzen, um wieder auf sich aufmerksam zu machen. Ist das gelungen?

Henning Lambertz: (lacht) Ja, ich denke, das hat ganz gut geklappt. Wir haben zwei Medaillen mehr geholt als bei der Heim-EM 2014. Die EM 2016 klammert man ja immer so ein bisschen aus, weil das die EM im olympischen Jahr war. Wir sind sehr zufrieden.

Schwimmer Florian Wellbrock

03:35 min | 10.08.2018 | Das Erste

Schwimmen: Mit tollem Teamgeist zum Erfolg

Die Zeit der großen Stars ist vorerst vorbei: Das deutsche Schwimm-Team konnte bei der EM dank Geschlossenheit und guter Stimmung so oft jubeln wie lange nicht mehr. Auch das Staffelkonzept ging auf.

Das eine sind die Erfolge, das andere ist die Stimmung im Team. Da hat sich offenbar etwas getan. Wie nehmen Sie das wahr?

Lambertz: Die Stimmung ist eine komplett andere als im letzten Jahr. Jeder geht wirklich mit Freude an die Sache heran, hat Spaß, fühlt sich in diesem Team wohl. Das Team ist füreinander da und feuert sich gegenseitig an. Die Stimmung war vom ersten Moment an sehr gut und wurde dann immer besser. Das, was oben auf der Tribüne abgeht, ohne dass man irgendeinen Einfluss nehmen musste, ist natürlich fantastisch.

Der Fokus des DSV lag bei dieser EM auch auf den Staffeln. Hat sich diese Herangehensweise bewährt?

Lambertz: Wir haben jede Staffel ins Finale bekommen. Es gab deutsche Rekorde, auch wenn man damit nicht immer eine Medaille gewinnen kann. Aber auch das ist an der einen oder anderen Stelle gelungen. Wenn man von neun Staffeln neun weiterbekommt, war das keine schlechte Idee.

Wie beurteilen Sie die speziell die Leistung von Florian Wellbrock?

Lambertz: Der Junge ist natürlich im Moment auf Wolke sieben, auf einem anderen Stern. Was er über 1.500 m Kraul gemacht hat, muss bei mir auch noch sacken. Das kann ich selbst noch nicht richtig fassen. 14:36 Minuten ist eine so unfassbar gute Zeit. Daran habe auch ich vorher nicht geglaubt. Das hebt alles so ein bisschen aus den Angeln. Und dann - nach so einer Energieleistung - über die 800 m noch mal reinzugehen auf der Außenbahn. Und dort auch nochmal den Mut zu haben, anzugreifen, ist bemerkenswert. Wenn das Rennen noch zehn Meter länger gewesen wäre, hätte er auch dort noch Silber geholt. Fantastisch, was er gerade macht.

Auf europäischer Ebene ist Deutschland wieder konnkurrenzfähig. Wie sehen Sie die Situation auf Weltniveau ?

Lambertz: Wenn wir mit Florian anfangen, dann ist das natürlich absolutes Weltniveau. Ich glaube, dass auch Sarah Köhler mit ihren Zeiten über 1.500 m Kraul sehr gut dabei ist, auch mit ihren Zeiten beim Kraul über 800 m. Auch Philip Heintz mit seinen Leistungen ist gut dabei. Wir haben viele Schwimmer, die auf Weltniveau sind. Aber wir müssen auch so realistisch sein, dass viele Zeiten, die hier fürs Finale gereicht haben, gegen Amerika und Australien, gegen Japan und China, noch nicht reichen.

Bei dieser EM sind einige deutsche Atheleten in den Vordergrund getreten, mit denen nicht unbedingt zu rechnen war. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

Lambertz: Ja, exakt. Wir wollten den Druck, der auf denen lastet, die im Normalfall die Medaillen holen können, ein bisschen runternehmen. Klappt es bei dem einen nicht, steht noch ein zweiter in den Startlöchern - so wie es bei anderen Nationen auch ist. Wir müssen uns das Potenzial erarbeiten, dass wir sieben, acht, neun Medaillenkandidaten ins Rennen schicken. Und wenn es dann zwei, drei oder vier Sportler schaffen, ist das super. Aber wenn es sich von Anfang an immer nur auf zwei, drei Athleten konzentriert, ist der Druck auf diese natürlich immens hoch.

Das Interview führte Lars Becker, ARD-Hörfunk

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 10.08.2018 | 10:45 Uhr

Stand: 10.08.18 09:30 Uhr