Christina Schwanitz © imago Foto: Axel Kohring

Interview

Zwillingsmama Schwanitz auf "Mission Gold"

Kugelstoßerin Christina Schwanitz hat sich nach ihrer Babypause im Rekordtempo wieder in Medaillenform gebracht und gilt bei der EM in Berlin als eine der größten deutschen Goldhoffnungen - trotz ihres Autounfalls vor zwei Wochen.

Die Weltmeisterin von 2015 kann im Finale am Mittwoch (20.09 Uhr, live im Ersten und bei sportschau.de) den Titel-Hattrick schaffen. Im Interview mit sportschau.de spricht die Titelverteidigerin - immer wieder unterbrochen von ihrem markanten Lachen - über ihre Zwillinge, ihre EM-Chancen und ihre Rolle als Vorbild.

Christina Schwanitz, wir werden über Kugelstoßen sprechen und über Kinder. Oder nerven Sie die Fragen über Kinder langsam?

Schwanitz: Nein, das ist das Schönste, was es auf der Welt gibt. Meine sowieso (lacht).

Da ist es wieder, dieses ansteckende Lachen. Haben Sie es Ihren Kindern eigentlich vererbt?

Schwanitz: Bei meinem Sohn könnte man das glatt vermuten. Er lacht sehr gerne und sehr herzhaft. Er lacht nicht ganz so häufig wie die Mama, aber wenn wir ihn zum Lachen kriegen, ist es schon so, dass man mitlachen muss. Die Püppi ist etwas zurückhaltender. Die ist mehr die Feine, Etepetete (lacht).

Das klingt nach einem sehr fröhlichen Haushalt bei Ihnen...

Schwanitz: Ja, doch. Wenn man früh ins Kinderzimmer kommt, strahlen sie einen an. Wenn man sie aus dem Kindergarten holt, strahlen sie auch. Es sind zum Glück ziemlich ausgeglichene, liebe Kinder. Ich bin eher der Typ, der kurzzeitig explodiert, dann hört das jeder und dann ist wieder gut. Es dauert allerdings, bis es knallt. Aber wenn, dann Hallelujah.

Was sagen Sie, wenn Ihre Kinder irgendwann Kugelstoßer werden wollen?

Schwanitz: Bitte. Viel Spaß. Ich empfehle es aber nicht.

Warum nicht?

Schwanitz: Na, erstmal ist es anstrengend (lacht). Zweitens: So wie sich derzeit die Sportpolitik dreht und wendet, weiß ich nicht, ob es wirklich gut ist, noch Sport zu machen. Aber wenn sie das wollen und wenn sie das Händchen dafür haben, werde ich alles tun, außer ihnen Steine in den Weg zu legen. Das machen andere schon zu Genüge. Da müssen wir nicht als Eltern auch noch sagen "Nein, nein, mach das nicht", sondern "Bitte, tob' Dich aus".

"Wenn ich nicht bei der Bundeswehr wäre, könnte ich mein Hobby sicherlich nicht zum Beruf machen. Selbst als Weltmeisterin ist es nicht möglich, davon so leben zu können, dass ich meine Miete und mein Auto bezahlen kann und vielleicht einmal im Jahr in den Urlaub fahre." Christina Schwanitz

Bei den deutschen Meisterschaften vor zwei Wochen haben Sie erstmals seit Ihrer Babypause wieder über 20 Meter gestoßen. Im Anschluss haben Sie bei einem Autounfall viel Glück gehabt, aber trotzdem eine Handverletzung und ein Schleudertrauma erlitten. Ist jetzt alles wieder gut?

Schwanitz: Ja. Ich muss sagen, unser Ärzte- und Physioteam, egal ob bei uns zu Hause oder in Kienbaum (Trainingszentrum bei Berlin, d.Red.), hat sich super um mich gekümmert. Wir haben jetzt noch etwas für den Kopf getan, weil das Schleudertrauma doch ein paar Nachwehen gezeigt hat und das Gleichgewicht ziemlich gestört war. Ich bin im Ring erstmal nach rechts umgefallen. Das war ein ganz klares Zeichen: Mich hat's einmal aufs Lenkrad und zurück. Ich bin auf jemanden aufgefahren, ich weiß nicht mehr, warum und wie es passiert ist. Keine Ahnung, das ist noch immer weg. Aber das haben wir behandelt und die Kugel flog.

Sie könnten als erste Kugelstoßerin zum dritten Mal in Folge Europameisterin werden. Haben Sie nach dem Unfall Ihre Ziele revidiert?

Schwanitz: Grundsätzlich ist eine Medaille nach diesem Jahr einfach schon mal ein Mega-Erfolg. Wenn mir jemand gesagt hätte nach der ersten Woche Training, dass ich 20 Meter stoße, dem hätte ich gesagt, 'Ja, sicher'. Das war für mich utopisch. 20 Meter - die letzten Jahre musste ich ganz schön dafür arbeiten, dass die Kugel überhaupt so weit fliegt. Dass das jetzt ein Jahr nach der Geburt schon wieder so gut klappt, damit haben weder mein Trainer noch ich gerechnet. Auch nicht geliebäugelt, weil das einfach zu weit weg war. Jetzt ist natürlich eine Medaille quasi Pflicht. Anders darf ich es nicht formulieren. Ob es Gold wird, werden wir sehen, je nachdem, wer an dem Tag die Nerven behält. Die anderen sind da routinierter als ich, ich habe halt das letzte Jahr etwas anderes gemacht habe (lacht). Aber utopisch ist auch Gold nicht. Es ist mein großer Wunsch.

Haben Sie sich selbst überrascht in diesem Jahr?

Schwanitz: Ja, positiv. Bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg sind mir deswegen auch die Tränen gekommen. Weil mich meine Gefühle so übermannt haben, weil ich so stolz war, auf meine Kinder, auf meinen Mann, auf meinen Trainer und unser ganzes Team, darauf, was mein Körper geleistet hat. Ich dachte, 'Du hast alles richtig gemacht, es war genau richtig.' Ich war einfach so erleichtert und stolz, das kann man nicht in Worte fassen.

Wer sind in Berlin Ihre härtesten Konkurrentinnen?

Schwanitz: Die Polin Pauline Guba hat jetzt auch eine 19,38 m als Bestleistung stehen, die ist nicht schlecht. Dann noch die Weißrussin Aliona Dubizkaja, sie hat in Rabat 19,21 m gestoßen. Anita (Marton aus Ungarn, d.Red.) ist nicht da, sie hat sich verletzt. Sie hat sich dieses Jahr hingestellt und gesagt, "Ich werde Europameisterin". Da habe ich gesagt, "Moment mal. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."

Ist es eine komfortable Situation, dass Sie sagen können, "Ich muss nach der Geburt nicht Europameisterin werden, aber vielleicht klappt es"?

Christina Schwanitz bejubelt ihren DM-Sieg © picture alliance Foto: Jan Kaefer

Stieß bei der DM in Nürnberg über 20 m: Christina Schwanitz.

Schwanitz: Das war damals meine Motivation, als ich wieder mit dem Sport angefangen habe. Ich habe mir offen gelassen, ob ich überhaupt wieder einsteige. Reicht mir Mama sein? Das war für mich ein bisschen unglaubwürdig, weil ich nicht so der Typ bin, der sich nur zu Hause wohlfühlt. Ich liebe meine Kinder über alles, aber ich möchte lieber Mama plus. Das ist interessanter. Ich möchte auch egoistisch sein können und mal etwas für mich tun, und das ist mein Sport.

Ich habe mehr erreicht, als ich mir je erhofft und erträumt habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich Weltmeisterin werde, ich hätte nie gedacht, dass es zweimal nacheinander mit dem EM-Titel klappt. Ich habe mir gesagt, wenn es klappt, klappt es. Du hast so viel schon geschafft in deinem Leben. Wenn es nicht klappt, machst du einen auf Familie und kümmerst dich um deine berufliche Situation. Das sollte man ja auch langsam mal in Angriff nehmen. Ich habe während der Schwangerschaft noch schnell mein Fach-Abi gemacht.

Sie müssen jetzt sehr viel unter einen Hut bringen. War es vor der Geburt Ihrer Zwillinge einfacher, Sportlerin zu sein? Oder ist es wegen der Motivation durch die beiden sogar leichter geworden?

Schwanitz: Ich bin schon immer ein ziemlich strukturierter Mensch gewesen. Einfach mal aufstehen und gucken, was der Tag so bringt, das ist bei mir nicht. Wenn ich meinem Mann sage, "Heute ist nichts geplant", dann guckt der mich an, "Nichts?" "Nichts!" Einfach mal zu Hause sein und genießen, das gibt's eigentlich bei uns kaum. Durch die Kinder ist der Leistungssport besonderer geworden für mich, der Stellenwert des Sports. Die Leistung ist schwerer zu erarbeiten.

Sind Sie auch eine Botschafterin für Frauen?

Schwanitz: Ich hoffe. Ich bin sowieso jemand, der gern als Vorbild agiert. Und ich möchte Frauen zeigen, wie es geht, die sich das vielleicht nicht zutrauen. Natürlich geht das nur mit einem sozialen Netz von Betreuern um uns herum. Wenn der Kindergarten nicht sagen würde, "Frau Schwanitz, egal, wann sie kommen und gehen, Hauptsache, Ihre 'Mission Gold' steht", dann wäre das nicht möglich. Ich habe sogar vom Kindergarten ein kleines Bildchen gekriegt, da steht "Mission Gold" drunter und die Krümmeln halten einen Pokal in der Hand. Total süß.

Sie waren als junge Athletin schon 2009 bei der Heim-WM dabei. Freuen Sie sich auf die Rückkehr ins Olympiastadion?

Schwanitz: Damals war das alles für mich noch so ein negativer Stress. Ich dachte, wenn ich mal fluche, verstehen die mich alle. Auf Französisch klingt "Merde" ja immer schön, aber auf Deutsch... (lacht). Aber das Publikum war so klasse damals und hat unparteiisch jeden angefeuert, die Stimmung im Stadion war Gänsehaut pur. Ich hoffe, weil ja von mir seither auch ein paar Leistungen dazugekommen sind, dass der eine oder andere Zuschauer schon einmal Kugelstoßen verfolgt hat. Und ich kann sie hier natürlich auch besser verstehen, wenn sie mich anfeuern, das stimmt mich positiv. Weil, mit meinem Englisch ist es halt immer noch so - naja, irgendwas bleibt halt auf der Strecke... (lacht).

Wie weit schauen Sie sportlich voraus?

Schwanitz: Ich habe jetzt erstmal für mich Tokio 2020 (Olympische Spiele, d.Red.) auf dem Schirm und nächstes Jahr wird auch sehr interessant mit der WM in Doha im September. Der Zeitpunkt ist nicht sportlerfreundlich, es wird vor allem ein sehr schwerer mentaler Weg. Nach den deutschen Meisterschaften im August fängt man nochmal bei null an. Die Spannung kannst Du so lange nicht halten, die Saison wird elendig lang. Aber einfach kann ja jeder (lacht).

Das Interview führte Bettina Lenner, sportschau.de

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Sportschau | European Championships 2018 | 08.08.2018 | 20:15 Uhr

Stand: 08.08.18 10:44 Uhr

Medaillenspiegel

Aktueller Medaillenspiegel
Platz Land G S B
1. Flagge Russland RUS 31 19 16
2. Flagge Großbritannien GBR 26 26 22
3. Flagge Italien ITA 15 17 28
4. Flagge Niederlande NED 15 15 13
5. Flagge Deutschland GER 13 17 23
6. Flagge Frankreich FRA 13 14 15
7. Flagge Polen POL 9 6 6
Stand nach 187 von 187 Entscheidungen.

Alle Platzierungen | mehr